Führung und Gesundheit im Wandel: Teil 1 zur individuellen Stressbewältigung

Gesundheit und Wohlergehen ausbalancieren - als Mensch und Führungskraft

Es wurde schon viel geschrieben über Führung, zu guter Führung von Menschen, Teams und Organisationen, vor allem im Veränderungsprozessen und Krisen. Ebenso zur Bedeutung und zunehmenden Relevanz von Gesundheit als Erfolgsfaktor von Unternehmen. 

Mein Fokus in diesem Artikel – dem ersten Teil einer geplanten Themen-Reihe – liegt auf der individuellen, person- und umfeldbezogenen Perspektive: Im Zentrum ein Mensch in Führungsverantwortung auf dem Weg zur gesundheitsförderlichen Neuverortung in seinen Rollen, beruflichen und privaten Identitäten und verschiedenen Lebenswelten. Mit ganzheitlich orientiertem Blick auf Gesundheit beziehe ich den Kontext der Arbeitssituation, Systemdynamiken und Wechselwirkungen in der Unternehmensorganisation ein.

Inhaltsverzeichnis

Was Sie in dieser Artikelreihe erwartet

Führung und Gesundheit im Wandel - Individuelle Stressbewältigung & Burnout-Prävention

Diese Artikelreihe richtet sich an Führungspersönlichkeiten, UnternehmerInnen und Selbständige, die sich, ein Team oder/und Unternehmen auf Dauer gesünder erfolgreich führen und in Krisen die Balance halten wollen.

Durch Fallbeispiele mit Praxisbezug, informativen Wissensinput und Vermittlung von erprobten Strategien und Methoden möchte ich Ihnen mögliche Wege zur Stressbewältigung und Burnout-Prävention aufzeigen. Sie dürfen es als Einladung verstehen, Selbstreflexion anzuregen, über eigene ähnliche Situationen nachzudenken, Bestehendes in Frage stellen und Hilfsmittel für sich zu nutzen, wie sie für Sie relevant und nützlich sind.

In einer Welt, in der Wandel, Komplexität und Dynamik allgegenwärtig sind, werden Menschen in Führung umso eher weitsichtig agieren, souverän gelassen vorangehen und neue Werte miteinander schaffen können, je eher sie als Individuen Klarheit, Balance und Sicherheit im Inneren finden.

Den Einstieg mache ich mit dem Thema “Stressbewältigung & Burnout-Prävention” und dem Fallbeispiel von Karsten*, Fach- und Führungskraft in Doppelfunktion in einem großen mittelständischen Unternehmen, der zum Zeitpunkt des Kennenlernens unter Arbeits-Stress und Erschöpfungssymptomen gelitten hat und auf der Suche nach dem Weg aus seinem Hamsterrad war.

*Name, Biografie und Einzelheiten der Geschichte sind zum Schutz der Anonymität geändert worden und zum Teil fiktiv. Was ich darstellen möchte, ist ein Bild, das ich so oder ähnlich häufig in der Beratung und Begleitung in Veränderungsprozessen erlebe. Manches habe ich auch in der eigenen Führungsarbeit in der Klinik und Projekten erlebt. Meine Erfahrungen und Learnings als Freiberuflerin und Solopreneurin fließen ebenso ein.

"Erfolgreich, aber nicht glücklich und im Hamsterrad"

Die Ausgangslage

Karsten ist 48 Jahre alt, Maschinenbauingenieur und als Abteilungsleiter in einem großen mittelständischen Unternehmen für die Instandhaltung der Produktionsbetriebe zuständig. Zusätzlich verantwortet er als befähigte Person und bestellte Fachkraft für Schweißtechnik alle relevanten technischen Prüfungen und Unterweisungen im Unternehmen.

Vor einem halben Jahr erfolgte die formale Höherstufung seiner Position, mit entsprechendem Zuwachs an Verantwortungs- und Aufgabenbereichen. Jedoch stehe die finanzielle Angleichung bislang noch aus. Er sei seit mehr als 20 Jahren in Linienfunktion und im Projektmanagement tätig, seit acht Jahren dort.

Mit Frank Wulfes von Kurswechsel habe ich in der Podcast-Episode #071 über Karstens berufliche Situation und die Knackpunkte aus gesundheitlicher Sicht gesprochen. Hören Sie hier gerne in unser Gespräch rein.

Privat lebt er mit seiner Frau in einer Großstadt zur Miete, die in Vollzeit bei einer Versicherung arbeite. Kinder haben sie keine. 

Der Beratungsanlass

Zur Beratung geführt hatte ihn der Leidensdruck. Der Impuls kam allerdings von seiner Frau, die mich aus einer Beratungssituation kontaktierte. Sie könne sich das bei ihrem Mann nicht mehr länger anschauen. Er sei erfolgreich, habe Führungsverantwortung und sei seit einem halben Jahr nun auf einer Stelle, die ihn auch fachlich herausfordert und die er von Anfang an wollte. Aber er sei nicht glücklich, sondern gestresst und im Hamsterrad gefangen. Das könne so nicht weitergehen, zumal er bereits einen Burnout vor drei Jahren hatte.

Kurze Zeit später traf ich Karsten das erste Mal persönlich zum Kennentern-Gespräch. Zusammengefasst gab er als aktuellen Hauptbelastungsfaktor zunächst an, seine körperlichen Grenzen zu spüren. Er sei nicht mehr so belastbar und leistungsfähig wie früher und das mache ihm zu schaffen, weil er befürchte, dass es ihm früher oder später seinen Job kosten würde. Es seien schon Kollegen von ihm gekündigt worden, die nicht mehr so funktioniert oder sich gegen Führungsentscheidungen von ganz oben gestellt hätten. 

Die Vorstellung, dass er gekündigt werden könnte, sei nur schwer zu ertragen, obwohl er selbst schon mit dem Gedanken gespielt habe, zu kündigen. Er könne aber seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt in seiner aktuellen Situation und der Unruhe in seiner Branche nicht wirklich einschätzen. 

Deswegen erhoffe er sich einerseits Beratung, was er gesundheitlich für sich tun kann und einen Trainings-Plan, mit dem er seine körperlichen Beschwerden los werden und sich wieder fitter fühlen könne. Andererseits wollte er für sich klären, wie es langfristig beruflich weitergehen soll, ob er seine Experten- und Führungsrolle in diesem Mix jemals zufriedenstellend ausfüllen würde oder sich doch nach etwas anderem umschauen soll. 

Was ihn bislang davon abgehalten habe, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen seien Zeitmangel, Zweifel und fehlende Orientierung in der Vielfalt an Möglichkeiten und Risiken, begleitet von Ungewissheit und der Angst, den Anforderungen woanders auch nicht gewachsen zu sein oder deutlich weniger zu verdienen und sich mit seiner Frau den Lebensstandard nicht mehr leisten zu können. Er sei nicht das erste Mal in dieser Zwickmühle und fürchte einen erneuten Burnout. Die Situation nage ziemlich an seinem Selbstbewusstsein. 

Daher wünschte er sich auch in beruflicher Hinsicht Unterstützung in seinen Führungsfunktionen und ggf. bei der Entscheidung zur Neuorientierung. In drei Monaten stehe sein großer Jahresurlaub an, den will er nutzen.

Wie sich der Stress gesundheitlich bemerkbar machte

Zur Veranschaulichung von Zusammenhängen und als Hilfestellung zur Reflexion arbeite ich – ausgehend von einem ganzheitlichen Gesundheitsverständnis und orientiert am funktionalen Modell der WHO – mit einem eigenen Gesundheitsmodell. Es bezieht körperliche, psychische und soziale Dimensionen sowie die spirituelle Dimension ein, wozu vor allem die Sinnkopplung gehört. 

Modelle vereinfachen und können in bestimmten Situationen helfen, den roten Faden zu finden. Gesundheit und Krankheit werden hier vor dem gesamten Lebenshintergrund eines Menschen unter Einbezug von Person- und Umweltbezogenen Faktoren betrachtet (Grafik zum Vergrößern anklicken).

Mein Gesundheitsmodell, aus körperlicher, psychischer und sozialer Sicht, vor dem gesamten Lebenshintergrund mit Einbezug von Person- und Umweltbezogenen Faktoren

Stress ist ein Phänomen, das sich auf den gesamten Körper auswirkt. Die individuelle Beanspruchung wird teils durch die Art und Weise objektiver körperlicher und psychischer Belastungen und Umwelteinflüsse geprägt, z. B. physikalische Reize. Zudem spielen unsichtbare Prozesse der physiologischen, kognitiven und psychologischen Verarbeitung, die eigene Bewertung und Stressreaktionen im Verlauf eine Rolle. 

Welche Bedeutung wir Stress geben, wie wir über Situationen denken, die Stress auslösen und wie wir uns verhalten, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Erlernte persönliche Strategien und Ressourcen, Tagesform, Krankheiten etc., aber auch von den Gegebenheiten des jeweiligen Umfeldes. Welche Bedingungen und Strukturen vorliegen, inwieweit diese Freiraum und Flexibilität bieten, sich in geeigneter Form anzupassen oder ob diese sogar “toxisch” wirken, z. B. durch systematische Überlastung durch Auslastung oder Mobbing.

Verhalten ist im Kontext der Umstände und Konsequenzen zu betrachten. Davon hängt auch ab, wie wir auf Stress reagieren, funktionale Strategien entwickeln, eher förderliches oder schädigendes Verhalten zeigen. Vom inneren Erleben spielt es eine Rolle, wie wir Belastungen, Anforderungen und Spannungsfelder subjektiv wahrnehmen und interpretieren, die a) von außen und in sozialen Systemen auf uns einwirken, b) aus uns selbst heraus generiert werden und c) in Beziehung dynamisch wechselwirken. Welche Fähigkeiten haben wir entwickelt, um in der Lage zu sein, unsere Emotionen, Bedürfnisse und unser Leben selbst zu regulieren?

Ansätze zur Förderung der persönlichen Gesundheits- und Stressbewältigungskompetenz müssen daher auch die Bedingungen ins Blickfeld nehmen, unter denen Menschen gesund bleiben können und wollen. Das ist keine rein private Angelegenheit. In Bezug auf Stressbelastungen in professionellen Rollen und im sozialen Kontext von Organisationen und Gesellschaft ist es mit Verhaltensmaßnahmen zur individuellen Stressbewältigung und Psychotherapie, die an der Einzelperson ansetzt, nicht getan.

Nach diesem Modell bin ich mit Karsten auch im Gespräch und Workshop zur Bestandsaufnahme vorgegangen. Seine Äußerungen zu Belastungen und Bedürfnissen in der Stress-Situation hier eingeordnet und gespiegelt:

Gedanken

„Momentan kreisen viele Gedanken und Zweifel in meinem Kopf. Die kann ich hier im Unternehmen aber nicht ansprechen. Wenn ich mich quer stelle oder Schwäche zeige, ist die Sache für mich gelaufen und die Karriere vorbei. Ich muss halt als Fach- und Führungskraft funktionieren und meine Leistung bringen. Andererseits kann ich meinen Aufgaben und der Verantwortung auch nicht immer nachkommen, wie es wünschenswert wäre, weil ich nicht über die Mittel verfüge, die wir brauchen und alles am besten nichts kosten darf. Dafür wird erwartet, dass ich am liebsten immer gleich springe und die Kohlen aus dem Feuer hole. Ich habe keine Ahnung, wie ich es richtig machen soll. Es fällt mir momentan schwer, das alles für mich zu ordnen und Land in Sicht zu sehen.“


„Ich will die Gedanken aus meinem Kopf haben, für mich sortieren und mit jemandem reden können, ohne dass das hier an die große Glocke kommt.
 Ich möchte wissen, wie ich das besser regeln kann, damit ich wieder klarer sehen kann. Ich frage mich, ob ich hier noch länger Zeit und Energie investieren soll und überhaupt will. Denn ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob das in der Organisation so funktionieren kann, wie ich mir das vorstelle und wie es mir versprochen wurde. Ich wünschte, ich hätte eine Reset-Taste, damit ich mal runterfahren kann.“


Emotionen

„Ich ärgere mich über die Situation und meine Chefs, aber auch über mich selbst, weil ich mich habe täuschen lassen. Manchmal fühle ich mich, als ob ich nur der Erfüllungsgehilfe bin. Da habe ich nun fachlich eine Position dazubekommen, bei der ich per sie nicht weisungsgebunden bin und bin trotzdem fremdbestimmt. Mir ist das auch gegenüber meinem Team unangenehm, weil ich die Mitarbeiter nicht voranbringen kann, wie es gut wäre. Das macht mich wütend und traurig zugleich, aber auch innerlich aggressiv und ich bin anderen gegenüber schneller gereizt. So bin ich normalerweise nicht. Es ist vor allem dann so, wenn ich mich überfordert fühle.

„Ich hoffe, dass es besser wird und vorangeht, aber ich mache mir auch Sorgen, mich in dem Hamsterrad aufzureiben. Ich möchte ohne die Angst leben, dass ich mir auf Dauer meine Gesundheit ruiniere und sich meine Leistung noch mehr verschlechtert. Andererseits möchte ich mich gerne einbringen und dass mein Engagement gewürdigt und anerkannt wird. Es geht einfach auch darum, dass man hier besser miteinander umgeht und die Fehlerkultur im Unternehmen angeht, die Kommunikation allgemein. Ich würde gerne wieder mit mehr Freude zur Arbeit gehen und Lust am Tun haben. Das ist wirklich selten geworden.“


Körper

„Ich merke, dass ich an meine Grenzen komme. Mir tut der Rücken weh, die Muskeln im Nacken und Kreuz sind eigentlich immer verspannt und ich bin oft permanent angespannt bei der Arbeit. Ich merke das abends daran, dass ich kaputt und kraftlos bin und vor dem Fernseher einschlafe. Wenn ich dann im Bett liege, schlafe ich oft schlecht ein und wache morgens wie gerädert auf. Wenn es richtig stressig ist, rebelliert sogar mein Magen und ich bekomme Sodbrennen. Früher hatte ich öfters mal Herzrasen, deswegen habe ich den Betablocker verschrieben bekommen. Vom Herzen sei ansonsten alles soweit noch in Ordnung, sagt mein Hausarzt.“


„Ich möchte mich körperlich wieder fitter fühlen und belastbarer sein, gesund bleiben und mehr Zeit und Energie für Sport und mein Privatleben. Mal wieder spontan etwas machen, irgendwo hinfahren, einfach raus. Mich am Wochenende richtig erholen. Ich wünschte, ich könnte mal wieder länger als fünf Stunden schlafen und morgens erholt in den Tag starten. Ich würde gerne leichter abschalten und innerlich schneller zur Ruhe kommen können. Wenn ich entspannter drauf wäre, würde ich mich in meiner Haut wohler fühlen.“


Verhalten

„Ich habe mich in den letzten Wochen mehr zurückgezogen und vermeide derzeit Konflikte und Diskussionen, wo es möglich ist. Mir ist das momentan einfach zu viel. Wenn ich mich aufrege, brauche ich sonst ewig, um zur Ruhe zu kommen und mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Ich kann mich derzeit nicht gut fokussieren. Was muss und geht, läuft natürlich weiter. Aber mir passieren mittlerweile schon auch kleine Fehler, die mir früher nie passiert wären. Ich brauche länger und bin nicht mehr so produktiv. Neben der Arbeit mache ich kaum noch was anderes, habe auch keine Kraft und Lust mehr nach dem Feierabend für Sport oder Treffen mit Freunden.

“Wenn sich das für mich ein bisschen beruhigt hat, würde ich am liebsten mal alles auf den Tisch legen und die Meinung sagen, was hier verkehrt läuft und wie es besser funktionieren würde. Ich will einfach meinen Job machen und mit gutem Gewissen richtig, sorgfältig und verantwortungsvoll ausführen. Im Privaten wünsche ich mir wieder mehr Leichtigkeit und Spontanität wie früher, um mein Leben zu genießen. Ich überlege jetzt ernsthaft, ob ich mir doch mal eine längere Auszeit zum Abschalten nehmen soll und dann in Ruhe entscheide.“

Der Weg zur Stressbewältigung und besseren Gesundheit

Ein individueller Fahrplan und Konzept: Gesundheitskompass und persönliches Mentoring

Die Unzufriedenheit von Karsten über seine berufliche Situation belastete auch seine Partnerschaft, wirkte sich auf andere Lebensbereiche und sein gesundheitliches Wohlbefinden aus. Die Unwissenheit über passende Veränderungsmöglichkeiten und die Frustration ließen sowohl eine gründliche Auseinandersetzung mit seinen Problemen und deren Lösung als auch eine funktionale Bewältigung und Ressourcen-Stärkung noch nicht zu. 

Wir besprachen aktuell geeignete Formen der Zusammenarbeit. In eine Klinik oder eine ambulante Therapie wollte er dieses Mal noch nicht. Soweit war er stabil und hatte auch gute Rückendeckung durch seine Frau. Wir vereinbarten zunächst einen Zeitraum von Monaten “auf Probe”. Zumal dann der längere Jahresurlaub geplant war. Je nach Verlauf würden wir entscheiden, ob dies so fortgeführt werden kann oder ob die Betreuung (ggf. auch währenddessen) eher von psychotherapeutischer Seite zu übernehmen ist.

Im Schwerpunkt ging es zunächst darum, die Voraussetzungen zu schaffen und zu verbessern, unter denen er sich selbst stabilisieren und auf seinen persönlichen Entwicklungsprozess einlassen kann. Der Fokus lag auf entlastenden Gesprächen, Abstand vom Problem-Denken, Symptom-Kontrolle und Beschwerde-Linderung. Im Verlauf mehr auf Selbstwahrnehmung, -reflexion und Selbstbefähigung.

Das dafür geeignete Rahmenprogramm ist mein GESUNDHEITSKOMPASS. Hier verbinde ich gezielte fachlich-medizinische Beratung und Counseling im Prozess der individuellen Strategieentwicklung zum Gesundheitskonzept, nachfolgend mit drei- bis sechsmonatiger Begleitung im persönlichem Mentoring.

Der gesamte Prozess lief bis auf den Strategie-Halbtags-Workshop vor Ort zur Standortanalyse virtuell über Videokonferenzen, telefonische und schriftliche Online-Beratung ab.

Analyse und Auswertung

Im ersten intensiven Gespräch mit Karsten erfolgte eine ausführliche Anamnese, eine strukturierte Erhebung seiner biografischen Vorgeschichte, medizinisch relevanten Vorbefunde sowie die Bestandsaufnahme seiner aktuellen Herausforderung, der subjektiven Gesundheit im bio-psycho-sozialen Kontext und Arbeitssituation. 

Ein spezieller Fragebogen verhalf ihm im Vorfeld zu mehr Klarheit und Orientierung, worum es ihm geht und wir gingen folgenden Fragen tiefer nach, ohne konkrete Ziele:

  • wie es um sein gesundheitliches Belastungs- und Risikoprofil steht
  • welche Stressoren er im Arbeitsumfeld und Lebensalltag identifiziert
  • wo er seine persönlichen Ressourcen und Unterstützungsfaktoren sieht 
  • was seine Erwartungen und Wünsche durch die Zusammenarbeit sind
  • was er an spezifischem Wissen, Know-how und Motivation mitbringt 
  • wie viel Zeit und Energie er aktuell für was einbringen kann und möchte

 

Die wesentlichsten Auffälligkeiten in der Bestandsaufnahme:

Deutliche Abweichungen im IST- und SOLL-Abgleich gab es bei dem Aspekt seiner persönlichen Balance. Das Austarieren zwischen Anspannung, Arbeit & Leistung und Phasen der Entspannung, Erholung & Regeneration gelang ihm in seinen Lebensbereichen nur unzureichend. Das war nicht nur auf die Arbeit begrenzt.

In der Gegenüberstellung von Beanspruchungen und Bewältigungsmöglichkeiten in konkreten Anforderungs- und Belastungssituationen zeigten sich in mehreren Hinweise auf Überforderung oder zumindest Tendenzen. 

Im Alltag fehlte ihm Bewegungsausgleich bei überwiegend sitzender Tätigkeit und einseitiger körperlicher Haltung. Bei arbeitsorganisatorischen und psycho-sozialen Anforderungen sah er die deutlichsten Defizite und Handlungsnotwendigkeiten in der Kommunikation und Gesprächsführung mit Vorgesetzten und im Team.

Er stellte fest, dass Gesundheit eine größere Rolle in seinem weiteren Leben spielen sollte als er zunächst im Blick hatte und dass er sein Wissen über Stress und Zusammenhänge mit der Arbeit und seinen persönlichen Hindernissen erweitern möchte. Er hatte ja bereits einen Zusammenbruch in der Vorgeschichte erlebt. Das habe er beim letzten Mal aber nicht ernsthaft genug verfolgt. Es sei ihm jetzt klar geworden, dass es früher oder später sonst wieder in den alten Mustern und gesundheitlichen Problemen münden würde. 

Dementsprechend steckte ich fürs erste ab, was realistisch ist, in einem Zeitraum von 3 Monaten zu erreichen. 

Planung und Umsetzung

Im ersten Strategie-Workshop und in den wöchentlichen Gesprächen gingen wir auf die einzelnen Bereiche näher ein und erarbeiteten die Schritte dazu. Das Hauptanliegen von Karsten war zunächst, von Abstand zu gewinnen, sein Stress-Level, die innere Anspannung und Belastungen zu reduzieren

Dazu loteten wir Handlungsoptionen unter Berücksichtigung seiner Ressourcen und dem Gestaltungsrahmen in der Organisation sowie im Privatleben aus, entwickeln abgestuft Ziele und individuelle Strategien.

Wir richteten uns auf einen Fahrplan für die nächsten drei Monate ein, den ich mit 4 Stunden Einzelsession pro Monat begleiten würde, vor- und nachbereitend mit Selbstlerneinheiten zum Thema Stressbewältigung und Gesundheit als ganzheitliches Konzept. Für jede Woche eine kleine Lektion mit Bezug zu seinem Alltag.

 

Monat 1

Zur Soforthilfe bekam Karsten einen Stufenplan zur Entspannung, zwei Anleitungen für Atemmeditation und progressive Muskelentspannung (PMR), um leichter zur Ruhe und zu einem erholsamen Schlaf zu kommen.

Ergänzend kamen einfache manuelle Selbstbehandlungs-Techniken zur Linderung der Rückenschmerzen zum Einsatz, die der physikalischen Therapie entstammen. Für den aktiven Part stellte ich ihm für die drei Monate ein persönliches Trainingsprogramm nach dem fit@Work-Konzept zusammen. Mit neun ausgewählten Übungen zur Selbstwahrnehmung und zum körperlichen und mentalen Ausgleich im Alltag. Teilweise haben wir die Übungen gemeinsam in den Sessions durchgeführt. 

Das war für ihn nach eigener Einschätzung gut überschaubar und in den beruflichen Alltag integrierbar, somit der Schwerpunkt für die ersten 4 Wochen.

 

Monat 2

Im zweiten Monat ging es darum, ein tieferes Verständnis für Zusammenhänge und das bewusste Abrufen geeigneter Ressourcen zu entwickeln, neuen Dingen eine eigene Bedeutung zu geben und Veränderungen für sich handhabbar zu machen. So bauten wir sein Konzept zur Stressbewältigung systematisch auf, zunächst mit diesen Schwerpunkten:

  • im Ansatz der Stress-Reaktion (Stress-Level senken): allgemeine gesundheitsförderliche Maßnahmen im Alltag, Abgrenzung von der Stress-Situation üben, Exit-Strategien, Entspannung, Ausgleich durch aktive Pausen, bewusstes Lenken der Aufmerksamkeit auf Ressourcen und bewährte Selbstunterstützung: Lieblingsbeschäftigung am Wochenende, Nichtstun, Spaziergänge mit seiner Frau, Freunde treffen, gutes Essen, Humor.
  • im Ansatz der Stress-Auslöser (Dauerstress vermeiden): Vermeiden des Schlafdefizits, Planen und Einhalten von Ruhe- und Erholungsphasen, Weiterbildung zu Handlungsfeldern zu Stressbewältigung, Resilienz und Burnout-Prävention, insb. Früherkennung von Warnsignalen, Übungen zur Körperwahrnehmung und des Gefühlsausdrucks, Gesprächsvorbereitung, Ursachenforschung und Verhaltens- und Umfeldanalyse mit Blick auf sein Arbeitsumfeld. 

Zum Einsatz kamen zunächst verhaltensorientierte Interventionen und Übungen, die er direkt anwenden konnte und auch später noch tiefergehend selbstständig weiterführen kann. Zum besseren Umgang mit Stress und Transfer in den Alltag standen offene Gespräche, gemeinsame Reflexionen und Selbstcoaching-Techniken im Vordergrund. Auch zum Aufdecken und Bearbeiten von inneren Konflikten, Überzeugungen und Antreibern.

 

Monat 3

Im letzten Monat lag der Fokus darauf, neues Wissen zu festigen und für sich im Alltag anzupassen, Strategien zu erarbeiten, um sich trotz vieler Aufgaben und Impulse von Außen auf das aktuell Wesentliche und Wirksame zu konzentrieren. Es galt, erste Erfolge, die sich in der Umsetzung zeigten, zu sichern und weiter zu verbessern durch Bedingungen und kleine Schritte wie stabilisierende Routinen, die dies erleichtern. Alternativen wurden erprobt, geeignete Strukturen und Lösungen entwickelt und teils umgesetzt, um Arbeitsabläufe zu optimieren. 

Kommunikation und Feedback

Wir vereinbarten wöchentliche Follow-ups. Vier Gesprächsstunden im Monat waren aufgeteilt auf einstündige Sitzungen Freitags und Chat-Kommunikation bei Bedarf und Fragen zwischendurch. 

Karsten richtete sich Freiräume im Kalender für kurze Auszeiten und Reflexionsschleifen im Alltag ein, für die er das LIFE CANVAS nutzte (Arbeitstool zur Reflexion und Visualisierung vom Persönlichen Wegweiser). Damit erarbeite er sich auch weitere Ziele und erste Strategien für den nächsten Abschnitt, wie er sich innerlich positionieren kann, wofür er steht und wo seine Grenzen liegen, auf die er selbst achten muss. 

Das betraf nicht nur seine Selbst- und Arbeitsorganisation, sondern auch den Aspekt, dass er souveräner und überzeugender in der Gesprächsführung auftritt, seine Bedürfnisse und Erwartungen klar kommuniziert. Was er eben auch braucht, um seinen Verantwortungen und Aufgaben in verschiedenen Rollen nachzukommen und die Zusammenarbeit im Team zu optimieren. Dazu gehört auch, Konflikte konstruktiv zu bearbeiten.

Anfangs hatte er noch Schwierigkeiten, sein Problem zu beschreiben, einzugrenzen und konkret auszudrücken, was er eigentlich erreichen will. Das ist normal. Mit den eigenen Themen beschäftigt man sich üblicherweise nicht so tiefgehend und im Stress ist es ohnehin erschwert, klar zu denken und zu kommunizieren. Und je mehr man sich dann darauf konzentrieren und fokussieren will, desto anstrengender und energieaufwendiger ist es. 

Freies Denken braucht Freiräume. Zunächst innehalten. Physisch und geistig einen Schritt zur Seite machen. Abstand von der Situation gewinnen. Aus anderen Perspektiven betrachten. Sich Zeit geben.

Was ihm im Verlauf half: Gespräche, körperliche Übungen und Kurzimpulse mit kleinen Reflexions-Aufgaben, zu denen er seine Gedanken aufschreiben konnte. Im Dialog konnte er Emotionen am besten in Worte fassen, sein Befinden, was er fühlt und spürt, wie er Situationen wahrnimmt und was sich verändert.

Im Abschluss-Gespräch haben wir den Verlauf Revue passieren lassen und das Konzept an einigen Stellen ergänzt und nachgebessert. Am Ende hatte er einen konkreten Fahrplan, das nötige medizinische Know-how zur Reduktion von Burnout- und Krankheitsrisiken und zum Erhalt der körperlichen & psychischen Gesundheit und Leistungsfähigkeit mit dem Handlungswissen, Lerninhalten und Umsetzungsimpulse für nächste Schritte. 

Damit weiß er, was er selbst machen kann, welche Möglichkeiten und Perspektiven er sich noch erschließen kann und wo er sich bei Bedarf Unterstützung holen kann, von wem und in welcher Form.

Die Resultate nach drei Monaten Mentoring

Souverän gelassener im Umgang mit Stress, mehr körperlicher Ausgleich, Energie und Freude

Im Verlauf hat Karsten seine langfristigen Ziele für einen gesundheitsförderlichen Lebensstil definiert und in aktuell für ihn relevanten Bereichen gute Fortschritte erreicht. Der größte Nutzen lag für ihn in der deutlich wahrgenommenen Stress-Reduktion, im körperlichen Ausgleich und sein Wohlbefinden habe sich insgesamt verbessert. Seinen Arbeitsalltag empfand er als weniger emotional aufreibend und er war mit den Ergebnissen seiner Arbeit trotz Differenzen im Kollegenkreis zufriedener. Zudem hatte er das Gefühl, sein Berufs- und Privatleben besser ausbalancieren zu können.

Ein paar Aussagen aus den Follow-ups:

  • Ich habe mehr Klarheit darüber, was für mich und meine Gesundheit bedeutsam ist und gegenüber dem letzten Zusammenbruch eine konkretere Vorstellung, was mir gut tut und was ich selbst dafür tun kann.
  • Ich fühle mich gelöster, zuversichtlicher und motiviert, dranzubleiben. Was mich darin bestärkt, sind die Reflexionsübungen und kleinen Aufgaben. Das bekomme ich auch im Alltag gut und schnell unter. 
  • Grübeln und Zweifeln ist seltener bzw. kann ich es leichter unterbrechen auf neue Gedanken kommen. 
  • Bei der Arbeit versuche ich, regelmäßig kurze Auszeiten und Pausen zu integrieren, die ich aktiv mit Bewegungs- und Entspannungsübungen verbringe. Aus dem fit@Work-Programm habe ich mir mehrere 10-minütige Mini-Workouts zusammengestellt, die ich ein- bis zweimal täglich mache.
  • Dadurch kann ich zwischendurch immer mal wieder Energie auftanken, abends leichter abschalten und besser ein- und durchschlafen. Tagsüber bin ich erholter, fitter und habe weniger Rückenschmerzen.
  • Das Arbeitspensum habe ich etwas reduziert und ich versuche, die Wochenenden frei zu lassen. Das gelingt mir nicht immer. Aber ich schaffe mit weniger Anstrengung jetzt mehr und das ist effektiver.

Seine berufliche Situation hat er für sich noch nicht klären können. Ob er seine Doppelrolle als Fachexperte und Führungskraft auf Dauer befriedigend ausfüllen kann und ob er das in dem derzeitigen Unternehmen will, wisse er nicht. Der nächste Urlaub stehe bevor, die Auszeit wolle er zum Reflektieren und Nachdenken nutzen. 

Auf jeden Fall muss und darf sich etwas ändern. 

Der Ausblick: Selbstfürsorge als Basis für gesunde Führung

Gesundheit nachhaltig achtsam in den Alltag integrieren, berufliche Perspektiven klären

Wichtig und zugleich herausfordernd ist es, am Ball zu bleiben, sich Ziele zu setzen, ohne sich selbst zu viel an positivem Erwartungsdruck aufzuerlegen. Vieles ist gut gemeint und gewollt, was sich ändern soll und was jede/r selbst ändern könnte. Nur liegt das Problem oft gerade nicht am fehlenden Willen, Disziplin oder am Unvermögen, sich Ziele zu setzen und die Zeit richtig einzuteilen. 

Ein Fokus auf Selbstoptimierung, Effizienz und Produktivität ist nicht zielführend unter dem Aspekt der nachhaltigen, kompetenten Stressbewältigung und Burnout-Prävention. Sich bewusst zu spüren und zu fühlen, Freude und Erfüllung zu erleben, will erst mal (wieder) gelernt werden. Und ohne sich selbst wertschätzen und regulieren zu können, wird es schwer, die eigenen Grenzen zu respektieren und sich genügend abzugrenzen.

Menschen, die sich wie in einem Hamsterrad fühlen, haben sich oft schon vor längerer Zeit durch ihr hohes Leistungslevel selbst überholt. Das bremst sie irgendwann aus. Energiereserven gehen zur Neige, sie sind müde, fühlen sich schneller erschöpft und innerlich leer. Sie verlieren den Kontakt zu sich. Den Zugang erfahren sie erst wieder durch Einlassen auf Begegnung und Selbstakzeptanz.

Vor der Zielsetzung zur Zukunft steht daher die Selbst-Wahrnehmung in der Gegenwart und das Annehmen der Vergangenheit. Das ist die Basis, um aus dem Dauerstress in eine dynamische persönliche Balance zu kommen. 

Wie es mit Karsten auf seinem Weg zur Selbstfürsorge und gesunden Führung und mit der beruflichen Findung und Ausrichtung weitergeht, lesen Sie in einem der nächsten Artikel. 

    Weiterführende Ressourcen zu diesem Artikel

    Die Podcast-Episode zum Artikel im Gespräch mit Frank Wulfes von Kurswechsel.

    #071 Gesund und erfolgreich führen – Im Gespräch mit Dr. Karin Kelle-Herfurth

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    2 Gedanken zu „Führung und Gesundheit im Wandel: Teil 1 zur individuellen Stressbewältigung

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