Dr. med. Karin Kelle-Herfurth

Dr. med. Karin Kelle-Herfurth

Beratende Ärztin und Partnerin für Neue Wege zum gesunden Erfolg. Health & Business Counseling verhilft Menschen und Unternehmen zu mehr Gesundheit und guter Arbeit im digitalen Wandel - in der Prävention, beim beruflichen Wiedereinstieg mit Krankheitsfolgen und Neustart in der Selbstständigkeit.

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Lebenserwartung und Lebensqualität nach einem Schlaganfall

Weltweit ereignen sich jährlich mehr Schlaganfälle, auch in Deutschland. Welche Faktoren haben Einfluss auf die Lebenserwartung nach einem Schlaganfall und was sind die Prognosen? Was trägt nachhaltig positiv auf Krankheitsverläufe und die Lebensqualität bei? Welche Herausforderungen gibt es in der gesundheitlichen Versorgung und Nachsorge der chronischen Erkrankung? Wie können wir dem begegnen?

Der Forschungsbericht „The Burden of Stroke in Europe“ von 2017 gibt zu denken: Nach diesem wird die Zahl der Schlaganfälle von 2015 – 2035 in der Europäischen Union um 34 % ansteigen. Der Hauptgrund liegt in der zunehmenden Alterung der Bevölkerung (strokeeurope.eu).

Lesen Sie mehr zur Prognose im neuen Artikel auf unserem Portal bei der vbms Schlaganfallbegleitung gGmbH:

https://schlaganfallbegleitung.de/wissen/lebenserwartung-schlaganfall

Durch Vorsorge und Früherkennung von Risikofaktoren wären die meisten Schlaganfälle vermeidbar

Auch wenn dieser Trend keinen linearen Anstieg der Inzidenz zeigt und die Sterberate nach einem Schlaganfall rückläufig ist: Die Entwicklungen machen die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von nachhaltig ausgerichteten Strategien zur Prävention umso bedeutsamer.

Denn Fakt ist auch, dass etwa 80 % der Schlaganfälle vermeidbar sind. Und zwar durch konsequentes Umsetzen von einfachen wirksamen Maßnahmen: Die Förderung von Verhaltensweisen für einen gesunden Lebensstil, frühzeitiges Erkennen und Einstellen von Risikofaktoren sowie Behandeln anderer Erkrankungen.

All das hat Einfluss auf die langfristige Lebenserwartung nach einem Schlaganfall und bereits davor. Das lohnt sich, zu vermitteln. Hierfür ist gute Gesundheitskommunikation essenziell, die verständlich aufklärt, Impulse zur selbstbestimmten Auseinandersetzung mit den Themen gibt und Selbstwirksamkeit erlebbar macht. Wer sich kompetent fühlt und Vorsorge für sich wichtig findet, kann aktiv beitragen und Wissen gibt Sicherheit.

Die Schlaganfallbegleitung informiert unter einer Extra-Kategorie über Risikofaktoren, deren Ursachen, medizinische Abklärung und Gesundheits-Tipps, die Sie selbstverantwortlich beherzigen können.

Ein gutes Beispiel für einen der Hauptrisikofaktoren ist das Vorhofflimmern. Es handelt sich zugleich um eine der häufigsten Herzrhythmusstörungen, die die Herzvorhöfe betrifft. Vorhofflimmern tritt typischerweise anfallsartig auf und ist heutzutage gut behandelbar. Würde es häufiger und frühzeitig diagnostiziert werden, wären viele Schlaganfälle zu verhindern.

 

Häufigkeit von Vorhofflimmern (Grafik von schlaganfallbegleitung.de)

Wussten Sie, dass die regelmäßige Überprüfung des Herzrhythmus eine effektive Maßnahme zum Schutz vor einem Schlaganfall ist? Tipp: Den Pulsschlag am Handgelenk zu tasten ist die einfachste Methode, Unregelmäßigkeiten im Herzschlag wie Stolpern und verlängerte Pausen als Hinweis auf ein Vorhofflimmern festzustellen.

Mehr Hintergrund-Infos & Tipps auf schlaganfallbegleitung.de

Die Lebenserwartung nach einem Schlaganfall wird durch die Akutversorgung und Nachsorge beeinflusst

Die Überlebenschancen nach einem Schlaganfall in der vulerablen Frühphase sind heute deutlich günstiger als noch vor einigen Jahren. Vor allem durch den medizinisch-technologischen Fortschritt in der präklinischen Diagnostik und neurologischen Intensivtherapie. Dazu haben die in Deutschland etablierten Stroke Units, spezielle Schlaganfallstationen in der Akutbehandlung, wesentlich beigetragen.

Auf den Stroke Units setzt bereits die neurologische Frührehabilitation im interdisziplinären Setting an. Sie zielt zunächst darauf ab, Vitalwerte und Basisfunktionen zu stabilisieren und die Rückbildung von neurologischen Ausfällen zu unterstützen. Studien zeigten, dass die Versorgung nach einem Schlaganfall in spezialisierten Einrichtungen zu besseren Prognosen führt gegenüber einer allgemeinmedizinischen akuten Krankenhausbehandlung.

Doch hinsichtlich der Lebenserwartung nach einem Schlaganfall ist die schnellste und bestmögliche Akutversorgung nur eine Seite der Medaille: Die andere Seite ist die poststationäre Versorgung – die individuelle ambulante Nachsorge und medizinische Sekundärprävention. Die Sekundärprävention soll vor allem Rezidive vermeiden; einen erneuten Schlaganfall und Komplikationen verhindern (z. B. symptomatische Epilepsie oder Depression). Sie wird im Optimalfall in abgestimmter hausärztlicher und neurologisch-fachärztlicher Betreuung eingeleitet, überwacht und koordiniert. In der Zusammenarbeit mit therapeutisch-pflegerischen Fachgruppen, den Betroffenen und Angehörigen. 

Die Nachsorge wird in ihrer Bedeutung für die prognostische Relevanz unterschätzt und häufig nicht konsequent verfolgt. Sie hat auch in der öffentlichen Wahrnehmung nicht die Aufmerksamkeit, im Vergleich zum „Notfall Schlaganfall“. Das Bewusstsein muss daher zunächst geschaffen werden, um für Spätfolgen zu sensibilisieren. Immerhin kommt es bei bis zu 10 % der Betroffenen zu einem erneuten Schlaganfall im ersten Jahr. Nicht nur das: Rezidive haben tendenziell eine ungünstigere Prognose als Erstereignisse, auch infolge des vorgeschädigten Hirngewebes. Oder sie nehmen mit dem Auftreten von Komplikationen aus anderen Gründen häufiger einen folgenschwereren oder tödlichen Verlauf.

Bei bis zu 10 % der Betroffenen kommt es im ersten Jahr nach Schlaganfall zu einem erneuten Ereignis.

Daher ist es wichtig, sich in Studien zur Prognose nicht nur die Zahlen des primären Überlebens nach einem Akutereignis anzuschauen. Für die Betroffenen geht es letztlich auch nicht um abstrakte Zahlen zur Prognose und Lebenserwartung nach einem Schlaganfall. Sondern um die Erwartung zum Leben und die subjektive Lebensqualität. Menschen möchten ihr Leben bewusst und möglichst lange selbstständig leben, gleichwertiger Teil der Gemeinschaften in ihrem sozialen Umfeld sein. Dies ist auch zu realisieren mit chronischer Erkrankung und funktionellen Einschränkungen, z. B. Lähmungen, Sprach- und Konzentationsstörungen.

Es kommt auf die individuelle und personalisierte Betrachtung und das gemeinsame Ergründen von Zielen, gegebenen und potenziellen Hürden und Ressourcen an. Nachteile durch gesundheitliche Beeinträchtungen, körperliche, geistige oder psychische Behinderungen sind zu verhindern oder zu reduzieren und auszugleichen. Soweit machbar und sinnvoll. 

Hier kommen auch Angebote zur Rehabilitation und Anpassungen im Wohn-, Lebens- und Arbeitsumfeld ins Spiel. Zu schaffen machen Vielen vor allem unsichtbare Behinderungen, kognitive Einschränkungen und psychosoziale Belastungen. Die Konflikte, die sich daraus in Interaktion und durch Unverständnis von Mitmenschen ergeben, führen oft zu Isolation und Einsamkeit.

Zur Verbesserung der Lebensqualität ist selbstbestimmte Teilhabe relevant: Rehabilitation dient der Befähigung

Neben der prä-klinischen Akutbehandlung und stationären Früh- und Anschlussrehabilitation kommt der ambulanten Rehabilitation in der Nachsorge eine zunehmende Bedeutung zu. Nicht nur medizinisch, psychologisch, therapeutisch und pflegerisch, um Beeinträchtigungen durch den Schlaganfall für Betroffene und Angehörige zu reduzieren. Sondern auch, um einen neuen Weg in ein selbstbestimmtes Leben unter veränderten Umständen zu gestalten. Und wenn möglich und gewünscht, zu begleiten und zu unterstützen, im Beruf oder auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. 

Investitionen in Leistungen zur medizinisch-beruflichen Rehabilitation und Teilhabe lohnen sich auch ökonomisch. Die Kosten durch Unterlassen fallen für Gesundheits- und Sozialsysteme ansonsten langfristig höher aus. Zudem gehen den Unternehmen und der Wirtschaft Fachkräfte mit wertvollem Know-how verloren.

Was unter medizinischer, beruflicher bzw. schulischer und sozialer Rehabilitation zu verstehen ist, habe ich hier in unserem Übersichtsartikel zur Rehabilitation nach einem Schlaganfall zusammengefasst.

Rehabilitation ist ein aktiver Teil der Nachsorge. 

Sie trägt in Verbindung mit der sekundären Prävention zu einer besseren Langzeitprognose und Lebensqualität bei. Es greifen Maßnahmen ineinander, um einen erneuten Schlaganfall zu verhindern und Risiken für Folgeerkrankungen, dauerhafte Einschränkungen und Pfegebedürftigkeit zu senken.

Im Verlauf stehen die Befähigung, Ermutigung und Motivation zu selbstständigen Aktivitäten, Erarbeiten von eigenen Zielen, Strategien und Strukturen zur Alltagsbewältigung und das Selbstmanagement der chronischen Erkrankung zunehmend im Fokus, um selbstbestimmte Teilhabe und Autonomie zu fördern.

Teilhabe wird nach einer Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2001 als „Einbezogensein in eine Lebenssituation“ bezeichnet. 

Zu einer zielgerichteten und personalisierten Nachsorge, die auf den individuellen Bedarf und die Bedürfnisse jedes Menschen abgestimmt ist, gehören vor allem die:

  • medikamentöse Sekundärprophylaxe des Schlaganfalls,
  • Fortführung von Alltagstraining und ambulanten Therapien,
  • Behandlung von spezifischen Funktionsstörungen und die
  • Teilhabeunterstützung in sozialen und beruflichen Lebenswelten

Hier liegt zugleich die „Achillesferse der Regelversorgung“ des deutschen Gesundheits- und Sozialsystems: in der individuell angemessenen Ausgestaltung und in den Übergängen. Darauf gehe ich an anderer Stelle ein.

Halten wir fest: 

  • Neben allgemeiner Gesundheitsförderung, positiver Lebensstil-Beeinflussung und spezifischer Primärprävention wie Maßnahmen zur Reduktion des individuellen Risikos (Vermeidung einer Schlaganfall-Erkrankung) ist wichtig: die richtige Akutbehandlung und Rehabilitation.
  • Im Anschluss dient die hausärztlich und neurologisch koordinierte Weiterbehandlung der Sekundärprävention (Verhinderung eines erneuten Schlaganfalls und Minderung von Krankheitsfolgen), der gesundheitlichen Stabilisierung und Verbesserung der Lebensqualität.
  • In einem personenzentrierten Nachsorgekonzept und Netzwerk werden medizinische und therapeutische Leistungen, Heil- und Hilfsmittel sowie pflegerische Maßnahmen individuell passend integriert.

Auf das Behandlungsergebnis und die Lebenserwartung nach einem Schlaganfall hat auch der Faktor Zeit enormen Einfluss. Sowohl in der Akutversorgung des Notfalls innerhalb weniger Stunden („Time is brain“), als auch in der Rehabilitation. Diese sollte frühzeitig erfolgen, so lange wie nötig und so intensiv wie möglich, wie es nach medizinischen und persönlichen Aspekten angemessen ist. Dadurch bestehen die besten Chancen, dass sich Einschränkungen zurückbilden und alltagsbezogene wie spezifische Funktionen verbessern.

Der Grund: Das Gehirn hat in den ersten drei Monaten das größte Potenzial zur Regeneration durch die Eigenschaft der Neuroplastizität. Eine strukturelle Reorganisation und Neubildung synaptischer Nervenverbindungen ist den Hirnarealen möglich, die durch den Schlaganfall nicht irreversibel geschädigt wurden. Und: Es braucht viel Geduld, Ausdauer und emotional bestärkende Unterstützung, um konsequent dranzubleiben. Die Therapietreue ist wichtig, bestenfalls ziehen alle als Team an einem Strang.

Übersicht: Meine Fachartikel zu modernen Methoden, digitale Therapien und Robotik in der Rehabilitation

Versorgungslücken erschweren den nahtlosen Übergang – Es bedarf neuer Lösungswege zur individuellen Teilhabe

Die Realität der Regelversorgung weicht von diesen Konzepten und Wunschszenarien allerdings ab: Es gibt hierzulande nach wie vor keine flächendeckende Struktur in der ambulanten Nachsorge für eine multidisziplinäre, interprofessionelle und sektorenübergreifende Behandlung. Das bedeutet, dass im Gegensatz zur hochspezialisierten und vom Personalschlüssel gut aufgestellten Akutbehandlung bisher keine einheitlich gute Versorgungsqualität im Verlauf der chronischen Erkrankung existiert.

Die großen Herausforderungen fangen mit der Entlassung aus der Klinik an. Das Leben zu Hause und das Zusammenleben ist ein anderes, was neu zu strukturieren und zu organisieren ist. Gewöhnlich ohne professionelle Hilfe rund um die Uhr. Von einer reibungslosen Gestaltung der Übergänge zwischen stationärer und ambulanter Behandlung kann vielerorts nicht die Rede sein. Die therapeutische Versorgung, Anbindung an Pflegedienste und soziale Unterstützungsleistungen im wohnortnahen Umfeld variieren regional stark. Zudem handhaben es die Träger der Sozialversicherungen unterschiedlich.

Betroffene und ihre Angehörigen sind zu Hause erst mal weitgehend auf sich gestellt. Und Viele fühlen sich zuweilen im und vom Alltag überfordert. Während der stationären Behandlung kann und sollte die häusliche Versorgung und Alltagsbewältigung abgeklärt und vorbereitet werden. Leider gibt es auch Fälle, bei denen die Reha am individuellen Bedarf und an den persönlichen Zielen zur Teilhabe vorbeigeht. Das hat unterschiedliche Gründe und überwiegend kommen mehrere in bereichsübergreifenden Spannungsfeldern zusammen: Kommunikations- und Abstimmungsprobleme im Gerangel um fachliche Zuständigkeiten, mangelnde Infrastruktur für interdisziplinäres Arbeiten, unflexible Vorgaben, bürokratische Verwaltung, Zeit- und Effizienzdruck.

Der Knackpunkt ist die individualisierte Ausrichtung und Teilhabe am Leben

Die Leidtragenden sind die Betroffenen und ihre Angehörigen. Das weiß auch Jörg Dommershausen von Klientinnen und Klienten zu berichten, Inhaber von Rehamanagement Nord, Rehamanager und Teilhabecoach. Mit ihm bin ich regelmäßig im fachlichen Austausch, da ich in der Beratung im Eingliederungsmanagement ähnliche Fälle sehe. Ich berate und begleite auch immer wieder Einzelpersonen nach einem Schlaganfall bei der beruflichen Reintegration und Neuausrichtung im Leben und Unternehmen.

Vor Kurzem sprachen wir über Versorgungslücken und andere Mangelerscheinungen im Gesundheitswesen und Perspektiven für neue Wege. Unser Fokus liegt hier darauf, den Reha- und Teilhabe-Prozess anders zum Besseren zu führen. Der erste Teil unseres Gespräches wird am 08.02.2022 im „Auf geht´ s – der Reha-Podcast“ veröffentlicht – der zweite Teil eine Woche später.

Wenn Sie Lust haben, neugierig sind und mehr über unsere Arbeit erfahren möchten: Schauen und hören Sie gerne vorab in unser Gespräch über das Betriebliche Eingliederungsmanagement als Chance für Unternehmen und unternehmerische Menschen:

https://rehamanagement-nord.de/folge-235-betriebliches-eingliederungsmanagement/

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