Form sprachlicher Gewalt mit subtiler struktureller Machtwirkung, die verkürzte Deutungsmuster mit moralischer oder psychologisierender Abwertung kombiniert und dadurch epistemische Ungleichheit stabilisiert. Bullyshit zielt darauf ab, Verantwortung systematisch zu verschieben. Das Muster zeigt sich in politischer bzw. organisationaler Steuerung: Rhetorische Mittel bereiten strukturelle Veränderungen den Boden, wodurch Einschnitte legitimierbar werden.
Der Begriff ist eine Wortbildung aus „Bullshit” (leere, verkürzte oder immunisierte Behauptung) und „Bullying” (gezielter Angriff, Diffamierung oder aggressives Bedrohen, rhetorische Unterdrückung oder Ausschaltung von Kritik oder Erfahrung). „Bullyshit” markiert die Kopplung, die gerade in Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen wirksam wird. Aussagen werden so gerahmt, dass Gegenrede nicht als Beitrag zur Klärung, sondern als Störung, Übertreibung oder Angriff erscheint. Dadurch entsteht eine stabile Anschlussordnung, in der Kritik zwar scheinbar zugelassen wird, aber systematisch entwertet wird.
Daher gilt: Das Erkennen und Benennen von Bullyshit markiert eine rhetorische Strategie, die epistemische Gewalt normalisiert.
Zitiervorschlag zur Quellenangabe:
Kelle-Herfurth, K. (2025). Bullyshit. Begriffswelten und Glossar. https://karin-kelle-herfurth.de/glossar/bullyshit, abgerufen am [Datum]
Formlogische Einordnung:
Bullyshit erscheint häufig subtil und ist für ohne hinreichende Rhetorik- und Sprachkompetenz als Zugang zu metareflexiver Selbst- und Systembeobachtung oft nicht erkennbar. Denn Bullyshit wirkt über Ebenenverschiebung: Strukturfragen werden zu Charakterfragen, Rechte werden zu moralischen Bedingungen, Komplexität wird als „Unklarheit“ abgewertet, und Unterlassen struktureller Lösungen wird als „Vernunft“ gerahmt. Folglich werden nicht die Bedingungen (z. B. Arbeitsschutz, Versorgung, Teilhabebarrieren) zum Gegenstand, sondern Menschen, die an diesen Bedingungen scheitern oder Schutz benötigen.
Zur Orientierung: Entscheidend ist, ob Sprache Verständigung ermöglicht – oder Diskursräume schließt. Bullyshit ist keine Eigenschaft einzelner Aussagen, sondern eine wiederholbare Kommunikationsform, deren Wirkung auch unabhängig von Intention und Einfluss einzelner Personen entsteht.
Anwendungsbeispiele im Alltag:
Führungspersonen geben in Gesprächen mit Mitarbeitenden gute Absichten vor. Gleichzeitig stabilisieren sie im selben Kontext systematisch ihre Macht. Ärzte betonen in Experteninterviews oder sozialen Medien, über bestimmte, besonders „umstrittene“ Erkrankungen aufzuklären. Tatsächlich diskreditieren sie jedoch Betroffene und leugnen ihre Realität.
Verwandte Begriffe und Kontextbezüge:
Bullying, Violent Dancing, Pogofähigkeit, Dunke Tetrade, Double Bind, Psychologisierung, epistemische Ungleichheit, Ableismus
Relevante Beiträge und externe Ressourcen
Begriffswelten und Glossar: Zur begrifflichen Funktion und Herangehensweise meiner Beratungs- und Bildungsarbeit
Blog-Beitrag: Long COVID in Medien: Gratwanderung zwischen Diskriminierung und Aufklärung
Bluesky-Thread: Rant zum Artikel „Post-COVID ist ganz klar eine psychosomatische Erkrankung“ im änd
Zitiervorschlag zur Quellenangabe:
Kelle-Herfurth, K. (2025). Bullyshit. Begriffswelten und Glossar. https://karin-kelle-herfurth.de/glossar/bullyshit, abgerufen am [Datum]