KTS

KTS bedeutet Kata That Shit [κατα] – eine lernorientierte Denk- und Handlungsweise, um nicht an komplexen oder scheinbar ausweglosen Situationen zu verzweifeln, sondern sie systematisch anzugehen – durch Üben, Reflektieren, Entscheiden unter Unsicherheit. Frei übersetzt: „Meistere das durch Übung am Problem, wenn der Weg unklar ist.“

Begriffsbedeutung und Herkunft:

„Die Anwendung der praktisch-wissenschaftlichen, lernzielorientierten Übungsroutine auf ein anhaltendes, sich verschlimmerndes Problem oder eine Herausforderung, die Hindernisse mit sich bringt und keine offensichtliche Lösung hat.
Eine Aussage, die verwendet wird, wenn jemand wiederholt frustriert ist, in eine einseitige Schwarz-Weiß-Denkweise verfällt, klare Antworten erwartet oder davon ausgeht, dass ein vermeintlicher Experte das Problem löst.“

Diese Definition basiert auf der dänischsprachigen Version des systemischen Organisationsentwicklers und Komplexitätsmanagementexperten Dominik Ortelt, einer Weiterentwicklung dieses englischsprachigen Originals. Inspiriert ist der Begriff vom Improvement Kata-Ansatz, aber erweitert durch systemisch-konstruktivistische Perspektiven kultivierten Lernens.

In diesem Sinne bedeutet KTS – Kata That Shit, das eigene Denken herauszufordern und bewusst neue Wege zu gehen – anstatt sich von gewohnten Mustern oder äußeren Einflüssen lenken zu lassen. Der Impuls: „Trainiere dein Gehirn, um komplexe Herausforderungen zu meistern!“ Dominik Ortelt verbindet diese Haltung mit wissenschaftlich fundiertem, praxisintegriertem Üben. Im Zentrum weniger Verbesserung oder Optimierung als vielmehr: lernen, entscheiden und handeln unter Unsicherheit.

Relevanz und Wirkung in Komplexität:

KTS findet als strukturiertes Vorgehen überall Anwendung, wo sich Systeme – wie Unternehmensprozesse, Gruppenverhalten oder Gesundheitsverläufe – nicht, nicht schnell oder linear verändern lassen. Dort, wo Widersprüche bestehen, Bewertungen unstabil sind und etablierte Strategien keine befriedigenden Ergebnisse bringen. Das bedeutet: KTS passt vor allem dann, wenn es auf einen systemisch-funktionalen Umgang mit komplexen Situationen und Unsicherheit ankommt.

Kata That Shit fordert dazu auf, sich bewusst in ein Übungsverhältnis zur Realität zu begeben: Beobachten, Selektieren, Unterscheiden, kleine Veränderungen ausprobieren, deren Wirkung prüfen und auf dieser Grundlage neu entscheiden. Man muss nicht alle Details verstehen, sondern kann trotz bestehender Unklarheiten handeln.

KTS fördert die Handlungsfähigkeit in komplexen Kontexten, gerade bei schwieriger werdenden Problemen oder scheinbar ausweglosen Situationen. Durch bewusstes Zulassen von Unsicherheit, systematisches Ausprobieren kleiner Teilschritte, kontinuierliche Reflexion und Anpassung sowie Stärkung der eigenen Wahrnehmung und Entscheidungsfähigkeit.

„Wenn alles feststeckt, triff eine neue Unterscheidung und wenn du denkst, du hast es verstanden, dann beobachte noch einmal anders. Wenn nichts geht, dann mach das, was noch geht. Und dann wieder.”

Beispiele aus der Praxis:

Im Organisationskontext:

Eine Führungsperson steht unter Druck: Die Geschäftsleitung erwartet mehr Leistung, jedoch steht sie widersprüchlichen Anforderungen gegenüber. Die Ressourcen sind knapp und das Team verändert sich personell. Bestehende Entlastungsstrategien greifen nicht mehr. Komplexe Entscheidungen führen immer häufiger zu Konflikten, die sie intern nicht befriedigend regulieren kann. Auch auf persönlicher Ebene nehmen Unsicherheit und Erschöpfung zu, wodurch sich die angespannte Lage noch verschärft.

KTS bedeutet hier: Statt in reaktiven Aktionismus zu verfallen, hält sie inne. Sie stellt wiederkehrende Muster fest, beobachtet, stellt gezielte Nachfragen, strukturiert kleine Experimente in Abläufen, priorisiert Aufgaben neu und reflektiert regelmäßig im Team. Obwohl ihr der vollständige „Durchblick“ fehlt, schafft sie so Raum und eine Richtung zur Orientierung, an der Entwicklung durch lernende Bewegung im Ungewissen.

Im Gesundheitskontext:

Das Kata-That-Shit-Prinzip ist besonders bei ME/CFS von Bedeutung, da hier ein vorausschauendes Energie- und Aktivitätsmanagement im Fokus steht. Bei dieser schweren, chronischen Komplexerkrankung geht es um ein notwendiges Umlernen im Umgang mit Unvorhersehbarkeit und täglichen Einschränkungen, wobei das Risiko belastungsabhängiger Zustandsverschlimmerungen besteht. Hier ist es überlebenswichtig, trotz Verlust, Trauer und Wut die Kontrolle über das eigene Handeln zurückzugewinnen, wenn das große Ganze unklar bleibt.

In diesem Sinne hilft das „Pacing” als übergeordnetes Selbstmanagementkonzept dabei, minimale Aktivitäten kontrolliert zu strukturieren – und zwar bevor die Belastungsgrenze erreicht ist. Es geht um Stabilisierung, nicht um Steigerung. Schritt für Schritt – mit Selbstwahrnehmung, Verzicht, Reflexion und viel Geduld. Dabei können Psychosoziale Edukation und Coping die alltagstaugliche Anwendung des KTS-Prinzips im individuellen Kontext unterstützen.

Verwandte Begriffe und Kontextbezüge:

Ambiguität, Mehrdimensionalität, Selbstwirksamkeit, Prozesslernen, Belastungskompetenz, Iteration

Weiterführende Ressourcen:

LinkedIn-Beitrag von Dominik Ortelt zum KTS-Impuls „Trainiere dein Gehirn, um komplexe Herausforderungen zu meistern“

Meine Themenseite zu Long COVID und ME/CFS – Medizinische Fachbeiträge und sytemische Impulse

Zitiervorschlag für diesen Glossar-Eintrag:

Kelle-Herfurth, K. (2025). KTS. Glossar. Verfügbar unter: https://karin-kelle-herfurth.de/glossar/kts-bedeutet-kata-that-shit/, abgerufen am [Datum]