Prozess der Strukturbildung, der unter sozialen Bedingungen Bedeutung durch Anschlussprozesse erzeugt. Kommunikation ist eine relationale und kontingente Systemleistung, durch die Erwartungen stabilisiert werden: darüber, was relevant erscheint, wie darauf reagiert wird und welche Handlungsräume sich eröffnen bzw. anschlussfähig bleiben.
Das bedeutet: Kommunikation ist keine Handlung zwischen Personen. Sie bedingt und schafft Beziehungen zur Wirklichkeitsproduktion, die beobachter- und kontextabhängig ist, aber zugleich durch strukturelle Kopplung in der Form ihres Systems bestimmt wird. Diese Determiniertheit ist jedoch nicht starr, sondern veränderbar und zufällig mitbestimmt.
Kommunikation: selbstreferenzielle Organisation von Unbestimmtheit
Kommunikation organisiert Unbestimmtheit und begrenzt Bedeutung selbstreferenziell: Sie rhythmisiert (stabilisiert) Erwartungen, sodass vorläufige Anschlussfähigkeit, Geltung und Handlungsräume entstehen. Gleichzeitig werden andere Möglichkeiten ausgeblendet und ausgeschlossen.
Die hervorgebrachte Wirklichkeit ist nicht beliebig, aber auch nicht notwendig. Sie ist strukturell gerahmt und zugleich kontingent – sie kann so sein oder auch anders sein. Dies ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck der Dynamik zwischen Struktur und Kontingenz.
Das heißt bezogen auf
- Strukur: Die formlogischen Bedingungen (z. B. medizinische Leitlinien, institutionelle Routinen) setzen den Rahmen im jeweiligen Kontext.
- Kontingenz: Innerhalb dieses Rahmens entstehen multiple Anschlussmöglichkeiten – nicht beliebig, aber auch nicht vollständig determiniert.
Zitiervorschlag für diesen Beitrag:
Kelle-Herfurth, K. (2026). Kommunikation. Begriffswelten und Glossar. https://karin-kelle-herfurth.de/glossar/kommunikation/, abgerufen am [Datum]
Formlogische Einordnung:
Aus systemisch-konstruktivistischer Sicht beobachten wir Kommunikation als Ordnungs- und Strukturbildungsleistung. Im Fokus steht nicht die einzelne Aussage, sondern die Frage, wie in Anschlusserwartung Bedeutung stabil wird – nicht der Inhalt, sondern die Form: Welche Unterscheidungen setzen sich durch? Welche Reaktionen werden wahrscheinlicher? Welche Deutungen gewinnen Geltung?
Hier greifen klassische Modelle der Kommunikationspsychologie zu kurz.
Kommunikation ist kein Vorgang der Informationsübertragung zwischen Sender und Empfänger oder der Sinnvermittlung zwischen den Psychen – sondern ein konstitutiver Prozess der Wirklichkeitskonstruktion. Dieser lässt sich aus rein interaktionalen, individuumzentrierten und selbst systemisch orientierten Sichtweisen heraus nicht beschreiben, die auf Zuschreibungen beruhen (Beobachtung 2. Ordnung).
Einordnung: Warum auch „gute Kommunikation“ nicht „Sinn vermitteln“ kann
Kommunikation kommuniziert nicht „zwischen Systemen“ wie ein Transportband. Kommunikation ist Operation sozialer Systeme.
Psychische Systeme (Bewusstsein) operieren mit Gedanken/Erleben und stellen Sinn bereit. Soziale Systeme operieren mit Kommunikation und nutzen Sinn als Medium.
„Sinnkopplung“/strukturelle Kopplung heißt: Beide Systeme bleiben operativ geschlossen, aber sie irritieren einander stabil (z. B. über Sprache, Rollen, Formate).
Diese konstruierte Ordnungsbildung ist, wie oben erwähnt, weder notwendig noch linear steuerbar. Orientierung ist daher kein Ergebnis von Absicht oder Konsens, sondern eine emergente Systemleistung. Sie bleibt nur unter bestimmten strukturellen Bedingungen stabil – aber grundsätzlich irritierbar, revidierbar und umformbar.
Kommunikation erzeugt jedoch nicht nur Bedeutung, sondern sie schafft selbst die Bedingungen, unter denen Bedeutung überhaupt erst möglich werden kann. Soziale Systeme kommunizieren entlang ihrer Ordnungsordnung, die erst bei tieferer Reflexion Meta-ebene. Formwirkung, (Beobachtung 3. Ordnung)
Lesehinweis zum Verständnis:
Wenn hier verkürzend von ‚Kommunikation organisiert, formt …‘ die Rede ist, meint das nicht ein handelndes Subjekt, sondern die Beobachtung von Anschlussketten in einem sozialen System: Welche Selektionen stabilisieren sich, welche werden unwahrscheinlich, und unter welchen strukturellen Bedingungen?
Wie Kommunikation Bedeutung wirksam macht
Damit Kommunikation Orientierung erzeugt, greifen drei funktionale Aspekte ineinander. Sie beschreiben keine inneren Zustände, sondern Beobachtungs- und Anschlussleistungen im Geschehen. Welche der drei Operationen (M/!/V) dominiert gerade den Vollzug? (und erst danach: welche Unterscheidung wird im Meinen gesetzt).:
- Meinen (Selektion/Information): Welche Unterscheidung wird als relevant gesetzt? Welcher „Unterschied“ soll einen Unterschied machen?
- Mitteilen: Welches beobachtbare Verhalten trägt diese Selektion (Sprache, Handlung, Schweigen, Dokument, Regel, Verfahren)?
- Verstehen (Anschluss): Welche Anschlussreaktion macht das Mitgeteilte im Kommunikationssystem wirksam – und wie wird daran weiterkommuniziert?
Bedeutung stabilisiert sich dort, wo Meinen – Mitteilen – Verstehen so aufeinander bezogen sind, dass ein Zusammenhang entsteht. Man hält etwas für wichtig – etwas gilt als relevant –, weil es Reaktionen ordnet und diese Struktur die weitere Kommunikation organisiert.
Welche Ordnung Kommunikation erzeugt
Kommunikation erzeugt Ordnung, indem sie Erwartungen stabilisiert, etwa darüber,
- was als Problem gilt und was als normal
- welche Erklärung als plausibel erscheint
- wer zuständig ist und wer nicht
- welche Handlungen als möglich, riskant oder unzulässig gelten
Diese Ordnungsleistung ist selektiv: Sie macht bestimmte Beobachtungen sichtbar und andere unsichtbar. So entstehen Anschlussfähigkeit und Handlungsräume – und zugleich Grenzen dessen, was im jeweiligen Kommunikationssystem sag-, denk- und entscheidbar bleibt.
Komplexitätsbewusste Kommunikation im Alltag:
Kommunikation zeigt sich im Alltag weniger an dem, was gesagt wird, als an dem, worauf reagiert wird – und was dadurch fortwirkt. Sie entsteht in Gesprächen, aber ebenso in Routinen, Formularen, Rollen, impliziten Erwartungen, digitalen Medien und institutionellen Verfahren.
Alltagsnahe Beobachtungen:
- Ein Satz verändert die Situation, weil er Erwartungen verschiebt („Jetzt gilt das als Thema.“)
- Schweigen wird als Aussage gelesen („Das bedeutet offenbar …“)
- Routinen stabilisieren Deutungen („So macht man das hier.“)
- Begriffe setzen Grenzen („Dafür haben wir keine Kategorie.“)
Dimensionen und Wirkorte der Form
Die formlogische Ordnungsbildung wirkt in unterschiedlichen Dimensionen und oft mehrdimensional verschränkt:
- Sprache und Diskurs: Begriffe, Metaphern, Erzählmuster
- Organisation und Institution: Regeln, Routinen, Verfahren, Dokumentationslogiken, digitale Systeme
- Recht und Politik: Zuständigkeiten, Standards, Ressourcenlogiken, formale Kriterien
- Kultur und Medien: Aufmerksamkeits- und Resonanzlogiken
- Ökonomie: Kennzahlen, Anreizsysteme, Ressourcenkonkurrenz
- Professionelle Logiken: Rollenbilder, Zuständigkeitsgrenzen, Evidenz- und Legitimitätsmaßstäbe
Kommunikative Risiken und Verzerrungen
Kommunikation organisiert Unbestimmtheit, kann dabei aber systematisch verzerren. Typische Risiken sind:
- Trivialisierung komplexer Lagen durch grobe Kategorien und frühe Festlegungen
- Verantwortungsverschiebung durch Zuständigkeitslogiken („Das liegt nicht bei uns.“)
- Stabilisierung von Machtasymmetrien (Geltung ungleich verteilt)
- Epistemische Entwertung durch Markieren von Erfahrungen als „nicht anschlussfähig“
- Selbstverstärkung von Mustern, wenn Anschlussketten Alternativen unplausibel machen
| Risiko | Beispiel | Folgen |
|---|---|---|
| Trivialisierung | ME/CFS als „Burnout“ klassifiziert | Fehlbehandlung, Verschlechterung der Symptome |
| Verantwortungsverschiebung | „Das liegt nicht in unserem Bereich“ (Neurologie → Psychosomatik) | Betroffene fallen durchs Raster |
| Machtasymmetrien | Fachperson vs. betroffene Person: Wer definiert, was „relevant“ ist? | Epistemische Ungerechtigkeit |
| Epistemische Entwertung | „Das ist alles nur psychisch“ | Aktivierung traumaassoziierter Reaktionsmuster, Vertrauensverlust |
| Selbstverstärkung | „Therapieverweigerung“ → Betroffene traut sich nicht mehr, Widerspruch einzulegen | Systematische Ausgrenzung |
Professionelle Handlungsoptionen
Kommunikation lässt sich nicht sinnvoll über „bessere Inhalte“ allein gestalten. Wirksamer sind Interventionen dort, wo Erwartungen gebildet und Anschlussketten stabilisiert werden:
- Relevanz markieren: Worum soll es hier gehen – was wird ausgeblendet?
- Zuschreibungen prüfen: Welche Bedeutungen werden unterstellt – welche Alternativen sind plausibel?
- Anschlussketten beobachten: Welche Reaktionen werden wahrscheinlicher, wenn wir so sprechen/handeln?
- Formate variieren: Gesprächsform, Dokumentationsform, Zeitrahmen, Beteiligte, Entscheidungsweg
- Meta-Reflexion ermöglichen: Kommunikation über Kommunikation, um Muster sichtbar und veränderbar zu machen
- Begriffe als Werkzeuge nutzen: präzisieren, entdramatisieren, differenzieren – ohne vorschnelle Festlegung
So wird Kommunikation vom Hintergrundrauschen zum professionell gestaltbaren Orientierungsraum.
Verwandte Begriffe und Vertiefung:
Kommunikationsformen, Kommunikationssysteme, Rhythmisierung, Anschlussfähigkeit, Erwartungsbildung, FORMWELT, Beobachtungsebenen, Meta-Reflexionsordnungen, Kybernetik, Reorganisation des Unbestimmten, Wirklichkeitsemulation
Begriffliche Funktion:
Anders als in der Zweckbestimmung eines klassischen Glossars definiere ich den Begriff „Kommunikation” hier nicht abschließend. Dieser Eintrag dient als Referenz für eine Wissensarchitektur, in der weitere Begriffe nach dieser Funktionslogik aufbauen (unter Begriffswelten näher beschrieben). Er bildet die Grundlage für eine mehrdimensionale Differenzierung systemischer Dynamiken. Dies erfordert die Öffnung des Blickwinkels und Denkraums für strukturelle Perspektivbildung.
Relevante Beiträge (Auswahl)
Begriffswelten und Glossar: Zur begrifflichen Funktion und Herangehensweise meiner Beratungs- und Bildungsarbeit
Systemische Gesundheitsforschung und Komplexitätsmanagement: Einblicke in die Kooperation mit dem FORMWELTen-Institut
Ressourcen zur FORMenlogik und FORMWELT – Grundlagen und Weiterführung
Gitta Peyn (2018). Kommunikation – Reorganisation des Unbestimmten. Systemzeit-Blog, Carl-Auer-Verlag.
https://www.carl-auer.de/magazin/systemzeit/kommunikation-reorganisation-des-unbestimmten
Ralf Peyn & Gitta Peyn (1992, 2018). Kommunikation – Reorganisation des Unbestimmten. https://uformiform.info/downloads/Kommunikation_1_de.pdf
(eBooklet zu Kommunikation/KonstruktionsFORMen des systemischen Realkonstruktivismus und ergänzend zu uFORM iFORM)
(Weiterführend hier: Ralf Peyn (2017). uFORM iFORM. Deutsche Erstausgabe, Carl Auer Verlag.
https://www.carl-auer.de/uform-iform, eBook zur mehrwertigen Erkenntnislogik)
Gitta Peyn (2018). Wie funktioniert/operiert System? Systemzeit-Blog, Carl-Auer-Verlag.
https://www.carl-auer.de/magazin/systemzeit/wie-funktioniert-operiert-system
Gitta Peyn (2021). Kybernetik 3. Ordnung – Warum sie Vielen zuerst schwer fällt
https://gitta-peyn.de/kybernetik-3-ordnung-warum-sie-vielen-schwer-fallt
Eigene Mitschriften des Seminars „Systemischer Realkonstruktivismus – Basics“ von Gitta Peyn, Stand 2022. https://www.formwelt.io/institute/systemischer-realkonstruktivismus-basics
Zitiervorschlag für diesen Beitrag:
Kelle-Herfurth, K. (2026). Kommunikation. Begriffswelten und Glossar. Verfügbar unter: https://karin-kelle-herfurth.de/glossar/kommunikation/, abgerufen am [Datum]