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Karin Kelle-Herfurth, Dr. med., MHBA

Beratende Fachärztin für Physikalische und Rehabilitative Medizin, Prävention und Gesundheitsökonomie.

Medizinisch-systemisches Sparring für Fach- und Führungspersonen in komplexen Umbruch- und Übergangssituationen. Ich begleite Menschen und Neuausrichtungen dort, wo Unsicherheiten auf Deutungskonflikte, Macht & kommunikative Dynamiken treffen, die mit darüber entscheiden, wie Erfahrungen unter anderen Bedingungen möglich werden.

ME/CFS und Long COVID sind in meinen Analysen auch Indikatoren für das, was Systeme leisten und wo sie veränderbar sind.

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5 Prinzipien guter Zusammenarbeit in Organisationen – jenseits von Harmonie und Konsens

Dieser Artikel ist 2018 erschienen – mein erster Blogartikel auf dieser Website. Die fünf Grundprinzipien sind nach wie vor gültig. Doch der Rahmen, in dem sie damals formuliert wurden, ist längst überholt. Diese Fassung wurde am 29. April 2026 aktualisiert.

Wie Teams und Organisationen zusammenarbeiten, steht unter permanentem Veränderungsdruck. Anforderungen werden komplexer, Entscheidungsgeschwindigkeiten steigen – und gleichzeitig wächst der Anspruch an Orientierung, gemeinsame Urteilsbildung und belastbare Kommunikation. Wer heute in Organisationen gestaltet, muss nicht nur reaktionsfähig sein, sondern strukturell denken können.

Als dieser Beitrag erschien, war Digitalisierung vielerorts noch eher ein „Werkzeugthema“: über diverse Kanäle, schnellere Abstimmung, flexiblere Orte. Schon damals griff das zu kurz. Technologie ist kein neutrales Hilfsmittel, das Zusammenarbeit einfach verbessert. Sie strukturiert Kommunikationsräume, verschiebt Entscheidungslogiken und verändert, was als relevant, sichtbar oder zuständig gilt.

Das gilt für kollaborative und cloudbasierte Plattformen – und heute noch mal in weit stärkerem Maße für KI-Systeme, die Informationen filtern, priorisieren und in bestimmte Bahnen lenken, oft ohne dass Beteiligte dies beobachten oder einordnen können.

Selbstorganisierte, inter- und transdisziplinär arbeitende Teams sind deshalb kein Organisationstrend oder eine Modeerscheinung der Beratungsbranche. Sie sind eine logische Antwort auf die Anforderung, Komplexität nicht dogmatisch zu reduzieren, sondern differenziert handhabbar zu machen. Was dabei trägt, ist nicht Vielfalt als solche, sondern die Fähigkeit, unterschiedliche Beobachtungsperspektiven produktiv zu nutzen – wenn eine gemeinsame Unterscheidungsfähigkeit vorhanden ist.

Daraus ergeben sich fünf Prinzipien, die ich damals formuliert habe – und die ich heute anders begründe.

Orientierung entsteht nicht durch Zielvorgaben, sondern durch geteiltes Verständnis darüber, warum etwas getan wird. Was ist der Beitrag dieser Aktivität zur Wertschöpfung? Was ist verzichtbar? Solange Teams über Ziele sprechen, ohne die zugrundeliegenden Selektionslogiken offenzulegen, bleibt Zusammenarbeit strukturell fragil – besonders dann, wenn Unvorhergesehenes eintritt.

Das gilt auch für Meetings. Sinnvolle Treffen klären vorab, welche Entscheidung, welche Information oder welche Abstimmung hier ermöglicht werden soll. So kurz wie möglich, so lang wie nötig – aber mit Klarheit darüber, was hier eigentlich stattfindet.

Ziele und Rollen sind dynamisch. Wer auf Funktionstiteln besteht, wenn sich Anforderungen verschieben, erzeugt Reibung ohne Erkenntnisgewinn. Rollen sind zeitgebundene Beiträge zu einem gemeinsamen Vorhaben – keine Besitzstände.

Das setzt voraus, dass Revisionen auch tatsächlich stattfinden: strukturiert, nicht beiläufig. Nicht als Konflikt, sondern als legitimer, regelmäßig eingeplanter Teil der Zusammenarbeit.

Wer Kommunikation als Transport von Botschaften versteht, wird in komplexen Zusammenhängen systematisch enttäuscht. Kommunikation erzeugt Bedeutung durch Anschluss – sie formt, was als relevant gilt, wer als zuständig angesehen wird, welche Probleme als lösbar erscheinen. Nicht mehr Information schafft bessere Zusammenarbeit, sondern bessere Unterscheidungsfähigkeit im Team.

Kompromissbereitschaft, wertschätzende Kommunikation und Konsensorientierung klingen gut, wirken in Organisationen jedoch oft paradox. Je stärker Werte wie Harmonie oder Vertrauen eingefordert werden, desto eher entsteht Konformität statt echter Auseinandersetzung – und desto wahrscheinlicher bleiben relevante Unterschiede unsichtbar. Dieses Paradoxon eingeforderter Werte im Organisationskontext entsteht dabei nicht zufällig, sondern ist eine strukturelle Eigenschaft.

Was Zusammenarbeit tatsächlich trägt, ist deshalb nicht Harmonie als Norm, sondern die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Beobachtungsperspektiven produktiv umzugehen – auch mit denjenigen, die stören, infragestellen, verlangsamen. Skeptiker und Hinterfrager sind keine Störfaktoren, sondern strukturell notwendige Korrektive. Plattformen und Tools unterstützen dabei – aber sie ersetzen nicht die gemeinsame Arbeit an Begriffen, Kategorien und geteilten Bezugsrahmen.

Dokumentation ist nur dann wirksam, wenn das Dokumentierte anschlussfähig ist. Andernfalls wächst das Archiv, während das Verständnis stagniert.

Veränderung entsteht nicht im Restpuffer des Tagesgeschäfts. Wer Entwicklungsräume strukturell nicht einplant, erhält strukturell keine Entwicklung – auch wenn das Bekenntnis dazu vorhanden ist.

Das gilt für Einzelpersonen, die ihre Energie bewusst bewirtschaften müssen, ebenso wie für Teams, die zwischen operativem Betrieb und strategischer Weiterentwicklung wechseln können müssen. Zeit wird nicht frei – sie wird gestaltet. Und wer sie nicht aktiv beansprucht, gibt sie an das Tagesgeschäft ab.

Fehler sind keine Ausnahmen, die kulturell rehabilitiert werden müssten. Sie sind Hinweise auf Informationsdefizite, Schnittstellenprobleme oder fehlerhafte Annahmen – und damit analytisch verwertbar. Was hilft, ist nicht die Frage „Wer trägt die Verantwortung?“, sondern: Welche Unterscheidung hat hier nicht funktioniert – und warum?

Eine Lernarchitektur stellt diese Fragen strukturell, nicht im Ausnahmefall. Das schließt ein, Erfolge mit derselben Genauigkeit zu analysieren: Was hat getragen – und warum eigentlich?

KI-Systeme verändern Zusammenarbeit nicht, indem sie Aufgaben übernehmen. Sie verändern, welche Entscheidungen als nötig wahrgenommen werden, welche Informationen sichtbar bleiben und welche Kommunikationswege sich stabilisieren.

Das macht die oben genannten Prinzipien nicht überflüssig – im Gegenteil. Wer nicht klärt, warum etwas getan wird, delegiert diese Klärung implizit an Systeme, die sie nicht leisten können. Wer Kommunikation nicht als Strukturleistung versteht, wird die Effekte algorithmischer Filterung weder beobachten noch einordnen können.

Gute Zusammenarbeit bleibt menschliche Aufgabe. Ihre Bedingungen sind technologisch mitgeprägt – aber ihre Qualität entscheidet sich in der Fähigkeit, Unterschiede zu machen, Anschlüsse herzustellen und Entscheidungsräume bewusst zu gestalten.

Wer erkennt, dass dies in der eigenen Organisation oder Praxis weniger an fehlendem Willen scheitert, sondern an strukturellen Bedingungen, kann mit strukturwirksamem Know-how auch Probleme anders bearbeiten.

Und wenn Sie das mit mir durchdenken wollen – hier finden Sie den Rahmen für ein Impulsgespräch. Ich würde mich freuen!

4 Kommentare zu „5 Prinzipien guter Zusammenarbeit in Organisationen – jenseits von Harmonie und Konsens

  1. Sabine

    Liebe Karin, vielen Dank für diesen guten Impuls. Er kommt zur richtigen Zeit für mich, beschäftigt mich doch aktuell die Frage, ob die gute alte „Teamfähigkeit“ in ihren Grundzügen eigentlich schon die gewünschte neue Kollaborationskompetenz ist?
    Ich sehe da nicht 100% Deckungsgleichheit;
    Hintergrund: Die Teamfähigkeit gilt ja nach wie vor als höchst positiv besetztes, erwünschtes Potential…aber was genau finden wir eigentlich so toll? Kompromiss-/Konfliktfähigkeit? Deckung sehe ich in der wertschätzenden Kommunikation…
    Wie siehst Du es?

    • Dr. Karin Kelle-Herfurth

      Liebe Sabine,

      vielen Dank für Deinen wertvollen Kommentar und die Anregung. Das ist in der Tat eine sehr interessante Frage. Schwierig, die Antwort darauf hier nur in ein paar Sätze zu packen …

      Also: In gewisser Weise sehe ich „die gute alte Teamfähigkeit“ schon als Basiskompetenz für Kollaboration, zumindest in einigen Aspekten.
      Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit bzw. Lösungskompetenz gehören für mich dazu.

      Den früher gerne betonten Fokus auf harmonische Zusammenarbeit und gemeinsamen Konsens im Team sehe ich hingegen kritisch. Das ist nicht immer zielführend. Es darf und muss auch „Störer“ geben im Team, die Hinterfrager und Skeptiker sind genauso wichtig. Wenn sich alle immer einig sind, läuft man Gefahr, sein Blickfeld zu stark einzugrenzen.
      Der Preis für Harmonie und Konsens ist mitunter auch, dass Teammitglieder hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, sich nicht trauen, vorzutreten. Es ist wichtig, das jeder sein Bestes geben kann, als Einzelperson und für den gemeinsamen Zweck, mehr Egodrive für das WIR sozusagen. Das Ziel ist wichtig und darauf gemeinsam hinzuarbeiten, jeder für sich als ein Teil des großen Ganzen. Persönliches Wachstum, sich dabei zu unterstützen, die Bereitschaft, Wissen zu teilen, gemeinsam zu lernen, um die Organisation voranzubringen.

      Je heterogener das Team, desto wichtiger finde ich eine offene und wertschätzende Haltung, die Fähigkeit zur Selbstreflexion, Kompromissbereitschaft, Toleranz, Akzeptanz anderer Sichtweisen und einen respektvollen Umgang miteinander.
      Den Begriff „Teamarbeit“ fasse ich heute weiter als interdisziplinäres Arbeiten in Gruppen, weil Menschen im Zuge neuer Arbeitskonzepte, Digitalisierung und Vernetzung nicht mehr nur in fachübergreifenden Teams zusammenarbeiten (berufsgruppen- und funktionsübergreifend), sondern auch systemübergreifend über Hierarchie-, Abteilungs- und Organisationsgrenzen hinweg und Kontexte und Kulturen aus unterschiedlichen Unternehmen (ggf. global) aufeinandertreffen.

      Unter anderem spielen auch interkulturelle Kommunikationskompetenz, Medienkompetenz und natürlich auch die Fähigkeit, Informationen zu filtern und zu strukturieren, sich selbst zu organisieren und zielfokussiert zu arbeiten mit hinein, für sich selbst und im Team.

      Sooo, jetzt ist das Wichtigste gesagt. Am liebsten würde ich das beim nächsten persönlichen Austausch mal mit Dir diskutieren 😉.

      Viele Grüße

  2. Pingback: Mit den richtigen Tools kreativ und produktiv zusammenarbeiten | Dr. med. Karin Kelle-Herfurth

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