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Karin Kelle-Herfurth, Dr. med., MHBA

Beratende Fachärztin für Physikalische und Rehabilitative Medizin, Prävention und Gesundheitsökonomie.

Medizinisch-systemisches Sparring für Fach- und Führungspersonen in komplexen Umbruch- und Übergangssituationen. Ich begleite Menschen und Neuausrichtungen dort, wo Unsicherheiten auf Deutungskonflikte, Macht & kommunikative Dynamiken treffen, die mit darüber entscheiden, wie Erfahrungen unter anderen Bedingungen möglich werden.

ME/CFS und Long COVID sind in meinen Analysen auch Indikatoren für das, was Systeme leisten und wo sie veränderbar sind.

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Mehr Tools führen selten zu mehr Wirkung oder besserer Zusammenarbeit

Dieser Beitrag ist ursprünglich im Jahr 2019 erschienen und wurde am 6. Mai 2026 inhaltlich aktualisiert. Die Grundthematik und das Problem, auf das der Fokus liegt, sind jedoch dieselben geblieben. Die technologische Umgebung hat sich hingegen grundlegend verändert.

Tools und Zusammenarbeit stehen heute in einem anderen Kontext als 2019. Damals ging es vor allem um digitale Abstimmung, Projektorganisation und ortsunabhängiges Arbeiten. Heute kommen KI-gestützte Systeme hinzu, die nicht nur Arbeitsschritte erleichtern, sondern Informationen auswählen, verdichten und Entscheidungen vorbereiten.

Damit verändert sich die Frage. Es geht nicht mehr nur darum, welches Werkzeug praktisch ist. Entscheidend wird, welche Kommunikations- und Entscheidungsstruktur ein Tool unterstützt, verstärkt oder verdeckt.

Gerade dort, wo Organisationen, Teams oder selbstständig arbeitende Fachpersonen mehr Wirkung erreichen wollen, zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Mehr Werkzeuge erzeugen mehr Möglichkeiten. Sie schaffen aber nicht automatisch mehr Klarheit, Verbindlichkeit oder gemeinsame Orientierung.

Dieser Artikel fragt deshalb nicht zuerst, welches Tool das richtige ist. Er fragt, wann Werkzeuge Zusammenarbeit tatsächlich unterstützen – und wann sie verdecken, dass eigentlich Rollen, Entscheidungswege, Kommunikationsregeln oder Geltungsfragen ungeklärt sind.

Die technischen Möglichkeiten für Zusammenarbeit sind heute größer als je zuvor: Projektboards, Messenger, Wissensdatenbanken, gemeinsame Dokumente, Automatisierung und KI-gestützte Assistenzsysteme sollen Arbeit erleichtern, Abstimmung beschleunigen und Entscheidungen besser vorbereiten.

Und trotzdem bleibt eine Klage erstaunlich stabil: Es gibt zu viele Tools – und Zusammenarbeit läuft nicht runder. Zeit, die durch neue Systeme frei werden sollte, fließt in Einführung, Schulung, Pflege, Umwege und die nächste Migration.

Das ist selten ein reines Technologieproblem. Häufig zeigt sich darin die Verwechslung von Werkzeugproblem und Strukturproblem.

Ein Tool ordnet nicht nur Arbeit. Es legt fest, was sichtbar wird, wer worauf zugreift, wie Entscheidungen dokumentiert werden, welche Informationen gelten und welche Beiträge untergehen. Damit wirkt es immer auch auf Kommunikations- und Entscheidungsarchitektur.

Wer in einem Team mit unklaren Rollen ein Projektmanagement-Tool einführt, bekommt unklare Rollen in einem Projektmanagement-Tool. Wer fehlende Verbindlichkeit mit einem neuen Kanal lösen will, bekommt dieselbe Unverbindlichkeit auf einer weiteren Oberfläche. Und wer Verantwortung nicht klärt, kann sie nicht durch bessere Software ersetzen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht zuerst: Welches Tool brauchen wir? Sondern: Welches Problem soll überhaupt gelöst werden – und ist es wirklich ein Werkzeugproblem?

Der Grundsatz bleibt tragfähig: so viele Tools wie nötig, so wenige wie möglich. Denn jedes zusätzliche System erzeugt Schnittstellen: zwischen Personen, Rollen, Daten, Gewohnheiten, Sicherheitslogiken und Erwartungen. Diese Schnittstellen kosten Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit fehlt dort, wo eigentlich entschieden, verstanden, koordiniert oder getragen werden müsste.

Das betrifft Organisationen ebenso wie selbstständig arbeitende Fachpersonen. Gerade in Phasen beruflicher Neuorientierung, gesundheitlicher Umbrüche oder wachsender Verantwortung kann ein neues Tool-Set zunächst Handlungsfähigkeit versprechen. Tatsächlich entsteht häufig das Gegenteil: Menschen verlieren Zeit und Energie in Pflege, Synchronisation und Selbstorganisation, obwohl die eigentliche Frage eine andere wäre – welche Arbeitsform unter veränderten Belastungsgrenzen überhaupt tragfähig ist.

Für Führungspersonen, Wissenschaftlerinnen, Health Professionals oder beratende Fachpersonen in komplexen institutionellen Kontexten verschiebt sich die Frage noch einmal. Dort steht selten nur Produktivität im Vordergrund, sondern Deutungs- und Entscheidungsverantwortung. Welche Informationen gelten als relevant? Welche Perspektiven werden dokumentiert? Und welche gehen in Kommunikationsdichte, Hierarchie oder Geschwindigkeit verloren?

Besonders sichtbar wird das in Bereichen, in denen medizinische, organisatorische und strategische Anforderungen gleichzeitig bearbeitet werden müssen – etwa in Gesundheitsversorgung, Rehabilitation, Forschung, Führung oder interdisziplinärer Beratung. Dort reicht es nicht, Informationen verfügbar zu machen. Entscheidend ist, wie Beobachtungen eingeordnet, Risiken bewertet, Verantwortlichkeiten geklärt und Entscheidungen nachvollziehbar dokumentiert werden.

Welche Arbeit soll leichter werden? Wo entsteht aktuell Reibung? Fehlt Information, Zuständigkeit, Verbindlichkeit oder gemeinsame Orientierung? Wessen Perspektive wurde bisher nicht gehört? Was muss sichtbar werden, damit bessere Entscheidungen möglich werden? Und was soll ein Tool ausdrücklich nicht leisten müssen?

In einem kleinen Unternehmen auf Wachstumskurs zeigte sich das sehr deutlich. Fünf Personen suchten ein gemeinsames Wissensmanagement- und Kollaborationstool. Jede Person nutzte eigene Lösungen, ein gemeinsames System fehlte. Im Klärungsprozess wurde sichtbar: Das eigentliche Problem lag nicht in der Software. Es fehlten Absprachen darüber, wie Wissen geteilt, Entscheidungen dokumentiert und Zuständigkeiten geklärt werden. Erst danach wurde die Tool-Entscheidung einfach.

KI verschärft diese Fragen. KI-gestützte Systeme können Arbeit erleichtern, Muster sichtbar machen, Texte strukturieren, Informationen verdichten und Entscheidungen vorbereiten. Sie können aber auch Auswahlprozesse verdecken: Was wird hervorgehoben? Was fällt heraus? Welche Annahmen stecken in einer Zusammenfassung? Welche Perspektiven wirken plausibel, weil sie sprachlich glatt erscheinen?

Damit geht es nicht um Pessimismus gegenüber Technologie. Es geht um Fundierung. Wer Tools nutzt, ohne ihre Selektionswirkung zu beobachten, gibt Teile der eigenen Kommunikations- und Entscheidungsarchitektur ab, ohne es zu merken.

Wenn ein Tool die Lösung sein soll, muss das Problem vorher ausreichend beschrieben sein. Sonst entsteht zwar schnell Wirkung durch und mit dem genutzten Werkzeug, doch die strukturelle Wirkung steht auf einem anderen Blatt. Und die wird häufig unzureichend hinterfragt. Der Schein trügt. Es bewegt sich etwas, es sieht geordnet aus, es erzeugt Aktivität. Aber die Struktur, die Zusammenarbeit trägt oder behindert, bleibt unverändert.

Transformation entsteht dort, wo Menschen verstehen, welche Ordnung ihre Arbeit tatsächlich prägt: Rollen, Entscheidungswege, Geltungsfragen, Belastungsgrenzen, Verantwortung und Rückkopplung. Tools können dabei sehr hilfreich sein. Aber sie müssen zur Arbeit passen – nicht umgekehrt.

Wer merkt, dass die eigentliche Frage nicht das Werkzeug ist, sondern die Struktur dahinter, stellt früher bessere Fragen. Und genau dort beginnt wirksame Gestaltung.

Und wenn Sie das mit mir durchdenken wollen – hier finden Sie den Rahmen für ein Impulsgespräch. Ich würde mich freuen!

5 Kommentare zu „Mehr Tools führen selten zu mehr Wirkung oder besserer Zusammenarbeit

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