Dieser Beitrag erschien ursprünglich 2019 und wurde am 6. Mai 2026 inhaltlich aktualisiert. Das grundlegende Problem ist geblieben. Die technologische Umgebung hat sich jedoch deutlich verändert.
2019 ging es bei Tools und Zusammenarbeit vor allem um digitale Abstimmung, Projektorganisation und ortsunabhängiges Arbeiten. Heute kommen KI-gestützte Systeme hinzu – darunter Anwendungen auf Basis großer Sprachmodelle, sogenannter Large Language Models oder kurz LLMs. Sie können Sprache verarbeiten und erzeugen und werden in Tools häufig mit Suchfunktionen, Datenbanken oder Automatisierungen verbunden. Damit erleichtern sie nicht nur einzelne Arbeitsschritte. Sie wählen Informationen aus, verdichten Inhalte, klassifizieren Vorgänge und bereiten Entscheidungen vor.
Damit verschiebt sich die Frage. Es geht nicht mehr nur darum, welches Werkzeug praktisch ist. Zu prüfen ist auch, welche Kommunikations- und Entscheidungsstruktur ein Tool unterstützt, verstärkt oder verdeckt.
Mehr Werkzeuge schaffen mehr technische Möglichkeiten. Sie erzeugen jedoch nicht automatisch mehr Klarheit, Verbindlichkeit oder gemeinsame Orientierung. Mitunter machen sie nur schneller und sichtbarer, was strukturell bereits ungeklärt war.
Tools und Zusammenarbeit: Was Technik ordnet – und was sie nicht klärt
Die technischen Möglichkeiten für Zusammenarbeit sind heute größer als je zuvor. Projektboards, Messenger, Wissensdatenbanken, gemeinsame Dokumente, Automatisierungen und KI-gestützte Assistenzsysteme sollen Arbeit erleichtern, Abstimmung beschleunigen und Entscheidungen besser vorbereiten.
Trotzdem bleibt eine Klage erstaunlich stabil: Es gibt zu viele Tools – und die Zusammenarbeit läuft nicht besser. Zeit, die durch neue Systeme frei werden sollte, fließt in Einführung, Schulung, Pflege, Synchronisation, Umwege und die nächste Migration. Darin zeigt sich selten nur ein Technologieproblem, und ein Werkzeugproblem sollte nicht mit einem Strukturproblem verwechselt werden.
Ein Tool ordnet nicht nur Aufgaben. Es strukturiert mit,
- was sichtbar wird,
- wer auf welche Informationen zugreifen kann,
- wo Entscheidungen dokumentiert werden,
- welche Vorgänge Priorität erhalten,
- welche Beiträge weiterverarbeitet werden
- und was zwischen Oberflächen, Zuständigkeiten und Arbeitsroutinen verloren geht.
Damit wirkt Technik auf die Kommunikations- und Entscheidungsarchitektur einer Organisation ein. Sie bildet bestehende Arbeitsweisen nicht einfach neutral ab.
Unklare Rollen werden durch ein Projektmanagement-Tool nicht klarer. Fehlende Verbindlichkeit verteilt sich mit einem zusätzlichen Kanal lediglich auf eine weitere Oberfläche. Und ungeklärte Verantwortung lässt sich nicht durch bessere Software ersetzen.
Ein neues Werkzeug kann solche Fehlstellen sogar zeitweise überdecken. Aktivitäten werden erfasst, Zuständigkeiten eingetragen und Bearbeitungsstände sichtbar. Das erzeugt Ordnung auf der Oberfläche. Ob die Beteiligten dasselbe unter einer Aufgabe verstehen, wer tatsächlich entscheiden darf oder wie mit widersprüchlichen Anforderungen umzugehen ist, bleibt davon unberührt.
Die erste Frage lautet deshalb nicht: Welches Tool brauchen wir?
Sondern: Welches Problem soll bearbeitet werden – und handelt es sich überhaupt um ein Problem, welches dieses Tool lösen kann?
So wenige Tools wie möglich, so viele wie nötig
Der Grundsatz bleibt tragfähig: so viele Tools wie nötig, so wenige wie möglich.
Jedes zusätzliche System erzeugt neue Schnittstellen – zwischen Personen, Rollen, Daten, Routinen, Sicherheitsanforderungen und Erwartungen. Diese Schnittstellen müssen beobachtet, gepflegt und miteinander verbunden werden. Sie binden Aufmerksamkeit, die anschließend bei der eigentlichen Arbeit fehlt.
Die Zahl der eingesetzten Tools ist dabei nicht das alleinige Problem. Auch eine kleine, schlecht abgestimmte Systemlandschaft kann hohen Aufwand erzeugen. Maßgeblich ist, wie viele Übersetzungs- und Abstimmungsleistungen zwischen den Werkzeugen erforderlich werden.
Typische Fragen lauten:
- Wo wird eine Entscheidung verbindlich dokumentiert?
- Welcher Bearbeitungsstand gilt als aktuell?
- Was geschieht, wenn dieselbe Information in mehreren Systemen unterschiedlich vorliegt?
- Wer prüft, ob eine automatisierte Übertragung vollständig und sachlich passend war?
- Und woran erkennen Beteiligte, welche Oberfläche für welchen Vorgang maßgeblich ist?
Fehlen darauf belastbare Antworten, entsteht keine gemeinsame Arbeitsgrundlage. Es entstehen parallele Wirklichkeiten.
Vor der Tool-Auswahl: Arbeitsform und Problem klären
Vor einer Tool-Entscheidung müssen weder alle Bedingungen bekannt noch sämtliche Probleme abschließend beschrieben sein. Gerade unter veränderten Anforderungen zeigt sich manches erst im Arbeitsprozess oder im Umgang mit einer vorläufig gewählten Lösung.
Trotzdem ist es wichtig, den gegenwärtigen Stand ausdrücklich zu bestimmen: Was ist bereits bekannt? Welche Annahmen laufen mit? Was bleibt unsicher? Welche Bedingungen lassen sich beeinflussen – und welche Risiken oder Grenzen muss die Auswahl zunächst einbeziehen?
So entsteht keine Klarheit mit Anspruch auf Vollständigkeit. Stattdessen schafft die Klärung eine belastbare Grundlage, anhand derer die Beteiligten ihre Entscheidung prüfen und bei Bedarf korrigieren können.
Arbeitsbedingungen bestimmen
Ein neues Tool-Set kann zunächst Übersicht und Handlungsfähigkeit versprechen. Tatsächlich steigt häufig der Aufwand für Pflege, Synchronisation und Selbstorganisation, wenn ungeklärt bleibt, wie unter den gegebenen Bedingungen gearbeitet werden soll.
Das wird besonders relevant, wenn sich Verantwortung, Kooperationsformen oder gesundheitliche Belastungsgrenzen verändern. Dann genügt es nicht, bestehende Abläufe technisch effizienter abzubilden. Zunächst ist zu bestimmen, welche Arbeitsbedingungen fachlich, gesundheitlich und organisatorisch erforderlich erscheinen:
- Welche Tätigkeiten benötigen Konzentration und Schutz vor Unterbrechung?
- Wo ist synchrone Abstimmung notwendig – und wo erzeugt sie vor allem zusätzliche Bindung?
- Welche Informationen müssen für andere zugänglich sein?
- Was darf nicht mehrfach dokumentiert werden?
- Welche Reaktionszeiten sind funktional erforderlich – und welche entstehen lediglich, weil technische Systeme permanente Erreichbarkeit ermöglichen?
„Bestimmen“ bedeutet hier nicht, sämtliche künftigen Bedingungen vorwegzunehmen. Gemeint ist, bekannte Anforderungen, Belastungsgrenzen und Unsicherheiten so deutlich zu markieren, dass sie die Tool-Auswahl von Anfang an mitprägen. Ein Werkzeug kann eine solche Arbeitsform unterstützen. Welche Anforderungen vertretbar sind und welche Grenzen gelten, müssen die Beteiligten jedoch selbst klären.
Das Problem so weit beschreiben, dass die Entscheidung prüfbar wird
Auch die Problembeschreibung muss nicht von Beginn an vollständig sein. Sie sollte jedoch genauer sein als die Feststellung, dass Zusammenarbeit „nicht rundläuft“ oder Informationen „besser organisiert“ werden müssten.
Hilfreich ist zunächst die Unterscheidung:
- Welche Arbeit soll leichter werden?
- Wo entsteht derzeit Reibung?
- Fehlt Information, Zuständigkeit, Verbindlichkeit oder gemeinsame Orientierung?
- Welche Entscheidung wird wiederholt vertagt oder an andere Stellen weitergereicht?
- Welche Perspektiven gelangen bislang nicht in die Bearbeitung?
- Was muss sichtbar oder nachvollziehbar werden?
- Und welche Strukturfrage soll ausdrücklich nicht an das Werkzeug delegiert werden?
Nicht jede dieser Fragen lässt sich vor der Einführung abschließend beantworten. Gerade deshalb sollten Annahmen als Annahmen erkennbar bleiben. Aus ihnen entstehen vorläufige Auswahlkriterien und Beobachtungspunkte:
- Woran würden wir erkennen, dass das Werkzeug tatsächlich entlastet?
- Welche unerwünschten Nebenwirkungen müssten früh auffallen?
- Wann müsste die Entscheidung überprüft oder korrigiert werden?
Ein Tool ist nicht deshalb passend, weil es viele Funktionen besitzt oder das zunächst beschriebene Problem formal abbildet. Passung zeigt sich im Verlauf: daran, ob es die erforderlichen Arbeits- und Entscheidungsprozesse unterstützt, ohne neue, unverhältnismäßige Übersetzungs-, Pflege- und Abstimmungsarbeit zu erzeugen.
Tool-Auswahl als zirkulärer Prozess
Arbeitsbedingungen, Schutzbedarf und Unsicherheiten markieren
Das Problem und den vorgesehenen Anwendungszweck so weit beschreiben, dass die Entscheidung prüfbar wird
Fachliche, organisationale und sicherheitsbezogene Kriterien ableiten
Wirkung, Risiken und Nebenfolgen beobachten und die Entscheidung korrigierbar halten
Nicht vollständige Klarheit führt zur „richtigen“ Entscheidung. Tragfähiger ist ein iteratives Vorgehen, bei dem Annahmen sichtbar bleiben, vorläufige Kriterien geprüft und neue Erfahrungen fortlaufend in Problemklärung, Werkzeugwahl und Risikobewertung zurückgeführt werden.
Datenschutz, Informationssicherheit und Vertraulichkeit mitprüfen
Zur Problembeschreibung gehört auch die Frage, welche Informationen ein Werkzeug überhaupt verarbeiten darf. Das ist besonders relevant, wenn personenbezogene oder gesundheitsbezogene Daten, vertrauliche Beratungsinhalte, Personaldaten, interne Bewertungen oder noch nicht veröffentlichte Forschungsergebnisse betroffen sind.
Dabei genügt es nicht, nur allgemein nach Datenschutz oder technischer Sicherheit zu fragen. Entscheidend ist der konkrete Datenfluss:
- Welche Daten sollen verarbeitet werden – und welche ausdrücklich nicht?
- Lassen sich personenbezogene oder vertrauliche Angaben vermeiden, anonymisieren oder durch weniger sensible Informationen ersetzen?
- Wo werden Eingaben, Dateien und Ergebnisse verarbeitet und gespeichert?
- Wer kann darauf zugreifen – einschließlich Anbieter, Unterauftragnehmer, angeschlossener Dienste und organisationsinterner Rollen?
- Werden Eingaben oder Ergebnisse zur Weiterentwicklung oder zum Training des Systems verwendet, und lässt sich dies verlässlich ausschließen?
- Welche Speicher-, Lösch-, Export- und Aufbewahrungsregeln gelten?
- Wie werden Zugriffsrechte, Protokollierung, Verschlüsselung und Sicherheitsvorfälle gehandhabt?
- Und wie bleibt die Organisation handlungsfähig, wenn ein Anbieter Funktionen, Vertragsbedingungen oder technische Schnittstellen verändert?
Nicht jedes Werkzeug muss dieselben Anforderungen erfüllen. Ein Tool für öffentlich zugängliche Texte ist anders zu beurteilen als ein System, das Fallinformationen, Gesundheitsdaten oder interne Entscheidungsgrundlagen verarbeitet. Der Schutzbedarf ergibt sich daher nicht allein aus dem Produkt, sondern aus Zweck, Kontext, Datenarten und möglichen Folgen einer Fehlverarbeitung.
Die Datenschutz-Grundverordnung verlangt unter anderem Zweckbindung, Datenminimierung und angemessene Sicherheit der Verarbeitung. Für LLM-basierte Systeme empfiehlt auch der Europäische Datenschutzausschuss eine kontextbezogene und fortlaufende Risikoprüfung entlang des konkreten Datenflusses
Ein Beispiel aus einem kleinen Unternehmen
In einem kleinen Unternehmen auf Wachstumskurs suchten fünf Personen ein gemeinsames Wissensmanagement- und Kollaborationstool. Jede Person nutzte eigene Lösungen; ein verbindliches gemeinsames System fehlte.
Auf den ersten Blick schien die Aufgabe klar: Produkte vergleichen, Anforderungen gewichten, Werkzeug auswählen.
Im Klärungsprozess zeigte sich jedoch ein anderes Problem. Es fehlten gemeinsame Absprachen darüber,
- welches Wissen für wen zugänglich sein sollte,
- wo Entscheidungen dokumentiert werden,
- wie mit vorläufigen Arbeitsständen umzugehen ist,
- wer Inhalte pflegt
- und welche Zuständigkeiten mit dem Wachstum neu geordnet werden mussten.
Erst die Klärung dieser Fragen machte die Tool-Auswahl überschaubar. Entscheidend war nicht ein technisch überlegenes Produkt, sondern ein klares Verständnis davon, welche Funktion das Werkzeug im Arbeitsprozess übernehmen sollte.
Was Werkzeuge verändern – und was unverändert bleibt
KI-gestützte Systeme verschärfen diese Strukturfragen. Sie können Texte gliedern, Informationen verdichten, Muster sichtbar machen, Vorgänge klassifizieren und Entscheidungsoptionen vorbereiten.
Dabei verarbeiten sie nicht nur vorhandene Informationen. Sie selektieren und formen mit, was anschließend als relevant, plausibel oder entscheidungswürdig erscheint.
Zu beobachten ist deshalb:
- Was wird hervorgehoben?
- Was fällt in einer Zusammenfassung heraus?
- Welche Kategorien werden zur Sortierung verwendet?
- Welche Annahmen gehen in Bewertungen oder Empfehlungen ein?
- Welche Perspektiven erscheinen aufgrund sprachlicher Glätte schlüssiger, als sie sachlich begründet sind?
- Und wo wird aus technischer Vorstrukturierung faktisch bereits eine Entscheidungsvorgabe?
Diese Fragen richten sich nicht gegen den Einsatz von KI. Sie betreffen die Bedingungen eines verantwortbaren Einsatzes.
Technische Systeme können Auswahl- und Bearbeitungsprozesse unterstützen. Sie übernehmen jedoch nicht die Verantwortung dafür, warum bestimmte Kriterien gelten, welche Zielkonflikte bestehen oder welche Folgen eine Organisation in Kauf nehmen darf.
Auch Zuständigkeiten werden durch KI nicht von selbst klarer. Es bleibt zu regeln, wer Ergebnisse fachlich einordnet, Abweichungen erkennt, Korrekturen veranlasst und Entscheidungen verantwortet.
Sichtbare Aktivität ist noch keine strukturelle Wirkung
Bevor ein Tool als Lösung dienen kann, muss klar sein, welches Problem es bearbeiten soll. Fehlt diese Klärung, entsteht schnell sichtbare Aktivität: Die Beteiligten verschieben Aufgaben, erzeugen Inhalte, sortieren Daten und beschleunigen Prozesse. Ob die Zusammenarbeit dadurch tragfähiger wird, bleibt offen.
Ein System kann ordentlich aussehen und dennoch ungeklärte Zuständigkeiten fortschreiben. Es kann Kommunikation beschleunigen und zugleich die Zahl unnötiger Abstimmungen erhöhen. Es kann Wissen verfügbar machen, ohne zu klären, welches Wissen für eine Entscheidung maßgeblich ist.
Die relevante Wirkung zeigt sich deshalb nicht allein an Nutzungshäufigkeit, Bearbeitungsgeschwindigkeit oder Funktionsumfang. Zu prüfen ist vielmehr:
- Werden Entscheidungen nachvollziehbarer?
- Verringert sich vermeidbare Doppelarbeit?
- Bleiben relevante Unterschiede sichtbar?
- Sind Rollen, Mandate und Verantwortungsgrenzen klarer zugeordnet?
- Sinkt der Aufwand für Koordination und Nacharbeit?
- Und lässt sich aus Fehlern oder unerwarteten Folgen lernen?
Erst an solchen Veränderungen wird erkennbar, ob ein Werkzeug die Zusammenarbeit tatsächlich unterstützt – oder lediglich zusätzliche Bewegung erzeugt.
Tools müssen zur Arbeit passen – nicht umgekehrt
Möglichst viele Vorgänge technisch abzubilden, verbessert die Zusammenarbeit nicht automatisch. Sie wird tragfähiger, wenn Werkzeuge zu den Aufgaben, Belastungsgrenzen, Rollen und Entscheidungswegen passen.
Dafür muss eine Organisation nicht vorab alle Bedingungen kennen. Sie sollte jedoch beobachten können, welche Annahmen sie mit einem Tool festschreibt, welche neuen Abhängigkeiten entstehen und wo Korrekturen erforderlich werden.
Die zentrale Unterscheidung bleibt einfach: Ein Tool kann Arbeit ordnen. Es kann jedoch nicht anstelle der Organisation klären, welchen Beitrag diese Arbeit leisten soll, wer entscheiden darf und welche Folgen vertretbar sind.
Wenn sich Tool-Fragen immer wieder als Rollen-, Kommunikations- oder Entscheidungsprobleme erweisen, lohnt ein genauerer Blick auf die Struktur dahinter.
Wenn Sie das mit mir auf Ihre Organisation oder Praxis beziehen möchten: Hier finden Sie den Rahmen für ein Impulsgespräch.
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Zitiervorschlag:
Kelle-Herfurth, K. (2026). Warum mehr Tools selten bessere Zusammenarbeit schaffen. Abgerufen am [Datum]:
https://karin-kelle-herfurth.de/tools-und-zusammenarbeit
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